„Dortmund ist nicht der Außenseiter“

von Redaktion

BVB-Legende Jürgen Kohler erwartet ein Champions-League-Finale auf Augenhöhe

Jürgen Kohler spielte von 1995 bis 2002 für Dortmund. Der heute 58-Jährige war 1990 Weltmeister, damals als Bayern-Verteidiger. © Imago

Zeigt er ein weiteres großes Spiel? Im Halbfinale gegen Paris und Kylian Mbappé war Mats Hummels (l.) der Held. © AFP

Herr Kohler, Sie hatten 2013 prognostiziert, dass es klappt mit dem Dortmunder Finaleinzug – und nun wieder. Sind Sie ein lebendes Orakel?

(lacht) Das könnte man so meinen – ich benenne es aber lieber anders: Ich kenne halt ein paar Mechanismen im Sport, aus denen ich Schlüsse ziehe. Ich beobachte nicht nur den nationalen, sondern auch den internationalen Fußball, schaue mir viele Spiele live und vor dem TV an. So kriegt man ein Gefühl für viele Mannschaften. Deshalb ist das weniger ein Orakel, sondern logisches Denken.

Schade… sonst hätten wir gleich gefragt, wie das Finale ausgeht.

Das kann ich nicht vorhersehen. Aber ich kann sagen, dass es für mich in einem Endspiel keinen Favoriten und keinen Außenseiter gibt.

Auch nicht, wenn Real Madrid auf Borussia Dortmund trifft?

Nein. Man wird sich auf Augenhöhe begegnen – und ganz kleine Nuancen werden über den Spielverlauf entscheiden. Ich halte nichts von Rollenverteilung im Vorfeld. Borussia Dortmund will dieses Spiel genauso gewinnen wie Real Madrid – also wer ist jetzt in der Außenseiterrolle?! Ich halte auch nichts von Sätzen wie „die haben doch nichts zu verlieren“. Hallo? Die haben das Endspiel zu verlieren!

Auf was kommt es in diesem Spiel für Sie an?

Man muss ein Fehler-Vermeidungs-Prinzip aufstellen. Je weniger Fehler du machst, desto geringer wird für den Gegner die Chance, daraus Kapital zu schlagen. Auf so einem Level darfst du dir nichts erlauben. Das müssen alle 22 Spieler verinnerlichen. Da hilft es nichts, dass man vorher schon achtmal die Champions League gewonnen hat. Es werden die kleinen Momente im Spiel entscheiden. Ein gewonnener Zweikampf, ein Torabschluss – so kippen auch mal enge Spiele.

2013 war es ein Zweikampf von Javi Martinez, von dem die Bayern heute noch reden.

Das ist doch ein gutes Beispiel. Es gibt im Fußball so ein paar Mechanismen, die auf dem ganz, ganz hohen Level greifen. Da musst du wachsam sein und aufmerksam, um solche Zeichen frühzeitig zu erkennen – oder bestenfalls selbst welche zu setzen. Die bessere Tagesform wird gewinnen.

So wie 1997. Schauen die Helden von damals gemeinsam?

Borussia Dortmund hat uns eingeladen – und viele sind der Einladung nachgekommen. Wir fliegen gemeinsam ab Dortmund nach London und sehen hoffentlich schwarz-gelben Jubel. Das wäre für uns schön, für den Verein, aber auch für die ganze Region. Das Ruhrgebiet lebt ja Fußball, das ist nochmal etwas anderes als in anderen Bundesländern.

Kommen dann die Erinnerungen an damals – an das 3:1 in München gegen Juventus Turin – nochmal hoch?

Ich bin nie ein Typ Mensch gewesen, der zurückschaut – sondern lieber mit Weitsicht und einem Rundumblick nach vorne. Es ist schön, wenn man an damals erinnert wird, wenn einen die Menschen darauf ansprechen. Das macht natürlich mehr Spaß, als wenn man verloren hätte. Die 2013er Dortmunder können ja ein Lied davon singen. Titel bleiben, Titel kann man nachlesen. Und es ist auch etwas, über das sich der Verein identifizieren kann.

Wen sehen Sie als Unterschiedsspieler beim BVB?

Einige! Sicherlich in erster Linie Gregor Kobel. Wenn er einen guten Tag erwischt, kann er der Matchwinner sein. Dazu Mats Hummels, der in der Champions League bisher sehr gute Leistungen gebracht hat. Marco Reus, der jederzeit ein Spiel mit ein, zwei Aktionen verändern kann, auch als Joker. Vorne Niclas Füllkrug, der auch mal aus dem Nichts ein Tor machen kann. Wenn Julian Brandt seinen Tag hat, wird es auch schwer, ihn zu stoppen. Ich sehe da schon drei, vier, fünf, die so einem Spiel eine Wendung geben können.

Hat man das berühmte Quäntchen Glück im Halbfinale mit sieben Aluminium-Treffern von PSG schon überstrapaziert?

Zum Glück geht es jedes Mal bei null los (lacht). Vielleicht kann man das Glück nicht überstrapazieren, aber im Fußball gibt es nichts, was es nicht gibt. Wir erinnern uns daran, als Liverpool 2005 zur Halbzeit 0:3 zurücklag – und am Ende gewonnen hat. Und Bochum hat es diese Woche auch schon geschafft.

Was stimmt Sie optimistisch, dass es nicht zur Halbzeit 0:3 steht?

Ich habe nach dem Viertelfinale gesagt: Vier Gegentreffer gegen Atletico Madrid – so kann man nicht die Champions League gewinnen. Was folgte, waren zwei 1:0-Siege gegen PSG. Die Abwehr gewinnt solche Spiele. Weil man vorne immer die Möglichkeit hat – über einen Standard, einen unberechtigten Elfmeter, einen Freistoß, einen weiten Einwurf –, Kapital zu schlagen.

Welche Rollen spielen die Nerven – und das verlorene Meisterschaftsfinale aus dem Vorjahr?

Das hat der eine oder andere sicher noch im Hinterköpfchen. Aber wenn man im Bus sitzt und ins Stadion fährt, darf der Fokus nur noch nach vorne gehen. Und wenn man es dann schafft, in den ersten zehn bis 15 Minuten die Nerven zu behalten, kann das für den Spielverlauf sehr, sehr wichtig sein. Die Herangehensweise darf nicht von Angst oder Ehrfurcht begleiten sein. Dortmund kann und muss selbstbewusst auftreten. Das spürt dann auch Real.

Welche Rolle spielen die Randgeschichten: Überstrahlt der Abschied von Toni Kroos alles? Dazu Marco Reus, vielleicht Mats Hummels im letzten Spiel für den BVB?

Alle drei haben eine gute Karriere hingelegt, es wird Wehmut dabei sein, es werden Emotionen hochkochen. Aber in den 90 oder 120 Minuten spielt das keine Rolle.

Wäre ein großes Spiel von Hummels ein kleiner Gruß an Julian Nagelsmann, der ihn nicht zur EM mitnimmt?

Ach, wissen Sie! Der Bundestrainer hat sich Anfang des Jahres dazu entschieden, auf ein paar Spieler zu verzichten. Dass die Spiele dann gut waren, eine gute Stimmung und vor allem Hierarchie im DFB-Team herrschte, hat ihn in der Entscheidung bestärkt. Mats Hummels gehört sportlich zu den besten fünf Innenverteidigern in Deutschland, ohne Frage. Aber in einem Teamgefüge spielen eben auch andere Komponenten mit rein.

Nun ist Wembley womöglich sein krönender Abschluss. Würde ein Sieg für 2013 entschädigen?

Ich halte nichts von Revanchen – ich halte viel vom Gewinnen. Für jeden Spieler ist es schön, wenn man seine Karriere mit einem positiven Ereignis beendet. Mit einem Erfolg abzutreten, hat etwas von einer Krönung. Die wünsche ich Marco Reus und natürlich auch Mats Hummels, sollte er danach aufhören.

Was für einen BVB hinterlassen die beiden?

Wenn man dieses Spiel gewinnt, wäre das für die Generation, die folgt, mehr als Gold wert. Du brauchst die Vergangenheit, um eine Zukunft zu haben. In unserer Zeit wurde das Fundament für die Anerkennung von Borussia Dortmund gelegt. Wir sind zweimal Meister geworden, haben die Champions League, den Weltpokal gewonnen. Da ist etwas passiert mit der Stadt und dem Verein, auf dem die Generationen nach uns aufbauen konnten.

INTERVIEW: HANNA RAIF

Artikel 1 von 11