„Absolut rassistisch“

von Redaktion

DFB-Anführer Joshua Kimmich kritisiert ARD-Umfrage über die Hautfarbe der Nationalspieler

Trat für seine Mitspieler ein: Joshua Kimmich. © Charisius/dpa

Fester und wichtiger Bestandteil der Nationalmannschaft: Gnabry, Gündogan und Sané (v. li.). © IMAGO

Herzogenaurach – „Einigkeit und Recht und Vielfalt“ ist eine solide Reportage, 45 Minuten lang, sie wird am Mittwoch im Rahmen eines Thementags Fußball in der ARD laufen. Es geht um Integration durch den Fußball, um die Nationalmannschaft, die die Gesellschaft abbildet. Philipp Awounou, der Autor, hat interessante Interviews mit Stars aus drei Generationen geführt. Mit Gerald Asamoah, der sich in den 90er-Jahren in Cottbus von den Rängen ein „Haut den N… raus“ anhören musste und als Nationalspieler dann die Achtung erfuhr, die ihm zuvor verweigert worden war. Mit Shkodran Mustafi, Weltmeister von 2014, der albanische Wurzeln hat, mit Jonathan Tah aus dem jetzigen DFB-Team, der sagt: „Wir sind Müller, aber auch Tah und Leroy Sané.“ Die Dokumentation ist feinfühlig, Philipp Awounou hat nichts falsch gemacht. Und dennoch: Die ARD ist massiv in die Kritik geraten. Joshua Kimmich nannte auf Nachfrage unserer Zeitung den Begleittext zum Film „absolut rassistisch“.

Den Aufreger hatte die Sportschau-Website der ARD geliefert. Sie machte am Samstagvormittag wie folgt auf: „21 Prozent der Deutschen wünschen sich mehr Nationalspieler mit weißer Hautfarbe“. Plus: „17 Prozent der Deutschen finden es schade, dass der DFB-Kapitän Ilkay Gündogan türkische Wurzeln hat.“ Das sind die Ergebnisse einer flankierenden Umfrage. Wie es zu der überhaupt kam, erschließt sich erst, wenn man „Einigkeit und Recht und Vielfalt“ ansieht.

Philipp Awounou reiste vor drei Monaten ins thüringische Blankenhain, wo die Nationalmannschaft vergangene Woche im Trainingslager war. Er fragte vorab die Einstellung zum Nationalteam ab, ein älterer Herr vor dem Rewe-Markt befand, es seien schon länger nicht mehr nur richtige Deutsche dabei. Seine Definition: „Richtige Deutsche sind hellhäutig. Wo bleiben die Hellhäutigen? Die können auch Fußball spielen.“

Das war der Anlass, bei Infratest Dimap eine Umfrage in Auftrag zu geben, um zu überprüfen, ob es sich um Einzelmeinungen handle oder sie repräsentativ seien – so rechtfertigte sich die Sportschau in einem Statement.

Joshua Kimmich findet es „absurd, überhaupt so eine Frage zu stellen“. Wie muss sie gelautet haben: Hätten Sie gerne mehr weiße Nationalspieler? Er hält es zudem für „kontraproduktiv“, dieses Thema wieder aufzumachen. „Es geht für uns darum, ein Land zu vereinen und gemeinsam Großes zu erreichen. Seit März hat sich die Stimmung um unsere Mannschaft doch gedreht, die Leute haben Lust auf das Turnier.“ Und Kimmich wurde noch deutlicher – und grundsätzlich zum immer wiederkehrenden Thema Integration und damit verbunden angeblich mangelnder Identifikation: „Wer im Fußball aufgewachsen ist, der weiß, dass das absoluter Quatsch ist. Fußball ist ein gutes Beispiel, wie man verschiedene Nationen, Hautfarben und Religionen vereinen kann. Ich würde sehr viele Mitspieler sehr, sehr vermissen, wenn sie nicht hier wären.“ Glasklare Worte wählte Bundestrainer Julian Nagelsmann: „Ich hoffe, nie wieder so was von so einer Scheißumfrage lesen zu müssen.“

ARD und Sportschau milderten die Tonlage nach der Kritik von Kimmich und entsetzten Reaktionen in den Sozialen Medien ab, auch aus den Reihen eigener Redakteure kam Gegenwind. Auf den Punkt brachte es Jana Wiske, Professorin für Unternehmenskommunikation an der Hochschule Ansbach. „Bei einer wissenschaftlichen Untersuchung kannst du dir die Ergebnisse nicht raussuchen oder schönreden. Du kannst aber die Ergebnisse so präsentieren, dass sie Rassismus keine Bühne bieten“, schrieb sie auf der Plattform X. Denn letztlich bedeutet das Ergebnis, dass eine sehr große Mehrheit mit der Nationalmannschaft 2024 kein Problem hat. Die Ablehnung kommt von der Seite, von der sie zu abwarten war: Unter AfD-Anhängern sind 47 Prozent für eine „weiße Nationalmannschaft“, unter denen des Bündnis Sahra Wagenknecht, das sich als migrationsskeptisch ausweist, sind es 38 Prozent. GÜNTER KLEIN

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