Steht vor seinem 118. Länderspiel: Manuel Neuer mit Torwarttrainer Stefan Wessels. © Gambarini/dpa
Herzogenaurach – Bis hierher waren es entspannte Tage für die deutsche Nationalmannschaft in der EM-Vorbereitung. Erst die Erholungsmaßnahme mit Familienanhang im Weimarer Land, dann die Zugreise ins Fränkische und Bezug des Basecamps bei Adidas in Herzogenaurach. Großes Willkommen dort, 4000 Menschen waren auf den Beinen, bei den Spielern musste trotz eingetrübter Wetterlage das Gefühl aufkommen: Es wird gut, was auf sie zukommt. Am Samstagabend schauten sich dann alle, die schon da waren, das Champions-League-Finale an und beobachteten die je zwei Madrilenen und Dortmunder, die die nächsten Tage kommen werden.
Mit dem heutigen Montag verändert sich die Atmosphäre in Richtung Ernsthaftigkeit, denn es steht der erste von zwei Tests an; es gilt, das im März entstandene positive Bewusstsein für die Nationalmannschaft aufrecht zu erhalten. Im nahen Nürnberg (20.45 Uhr, ARD) trifft Deutschland auf die Ukraine. Ein wertiger Gegner, via Playoffs qualifiziert für das EM-Turnier – und auch deswegen ein Maßstab, weil die DFB-Elf einen Vergleich mit sich selbst wird anstellen können.
Am 12. Juni 2023, vor fast einem Jahr, bestritten die Deutschen ihr 1000. Länderspiel gegen die Ukraine. DFB-Präsident Bernd Neuendorf kennzeichnete das im Vorfeld als einen Ausdruck der Freundschaft und der Unterstützung mit einem Land, das in einen Krieg gezwungen wurde. Das Ergebnis: zweitrangig. Es kam zu einem wilden 3:3, bei dem man 1:0 führte und 1:3 hinten lag. Vieles, was unter Hansi Flick als Bundestrainer schieflief, wurde in dieser Partie abgebildet. Allerdings hat sich das Aufgebot drastisch verändert. Nicht mehr dabei von den Damaligen sind Kevin Trapp, Matthias Ginter, Marius Wolf, Leon Goretzka, Julian Brandt und die auf der Ersatzbank platzierten Thilo Kehrer, Lukas Klostermann, Malick Thiaw, Emre Can, Jonas Hofmann und Timo Werner. Es hat ein ungewöhnlich tiefer Einschnitt im DFB-Team stattgefunden – vor allem seit März 2024.
„Die Deutschen“, sagt der ukrainische Cheftrainer Serhij Rebrow, „sind seit dem Wechsel defensiv viel disziplinierter.“ Hansi Flick war ein Suchender, Julian Nagelsmann ist ein Findender. Knapp zwei Wochen vor dem EM-Auftaktspiel (14. Juni in München gegen Schottland) gibt es so etwas wie eine logische erste Elf.
Weil die DFB-Stammkräfte von Real Madrid erst am Dienstag anreisen, muss Julian Nagelsmann seine Aufstellung am Montag anpassen. Anstelle von Toni Kroos wird gegen die Ukraine Pascal Groß („Er lief viel zu lange unter dem Radar und kann alles umsetzen, was wir von ihm sehen wollen“) zum Zug kommen, Antonio Rüdigers Position in der Abwehr dürfte Waldemar Anton („Er liebt es zu verteidigen, das findet man nicht oft“) zufallen. Und es wird im Vergleich zu den furiosen März-Nummern gegen Frankreich und die Niederlande die Veränderung im Tor geben, die Nagelsmann schon zur Jahreswende festgelegt hatte: Manuel Neuer kehrt zurück, sein letztes Länderspiel war das im Dezember 2022 bei der WM gegen Costa Rica. Danach: Ski, Beinbruch, Reha, Comeback.
550 Tage werden zwischen Neuers 117. und 118. Länderspiel liegen. Kollege Joshua Kimmich findet, es sei eine „unglaubliche Leistung, dass und wie er zurückgekommen ist. Er hatte bei Bayern unfassbare Aktionen und Spiele dabei“. Es gibt freilich auch die Wahrnehmung von gehäuften Fehlern und Statistiken, die besagen, Neuer habe mehr Tore kassiert, als die Rechenmodelle es vorhersahen. Nagelsmann kontert: „Ich habe bei Manu eine gute, stabile Saison gesehen. Wichtigster Indikator ist, dass er immer noch den kindlichen Spieltrieb hat. Er wird eine gute EM spielen, und ich freue mich, die Statistiken danach zu lesen.“ GÜNTER KLEIN