Herzogenaurach – Man könnte sagen: Der Kreis schließt sich. Allerdings auch: Eine Karriere stagniert.
2016 wurde Joshua Kimmich kurz vor der Europameisterschaft und zum Abschluss seines ersten Bundesligajahres Nationalspieler. „Mein erstes Länderspiel war gegen die Slowakei, wir verloren 1:3, ich bekam die Note 5,5“, erinnert er sich an die Partie damals in Augsburg, bei der die Halbzeitpause wegen massiver Gewitter eine Stunde dauerte. Wasserfluten waren das wie eben erst wieder. Bei der EM in Frankreich gab Kimmich den rechten Verteidiger. Das ist auch jetzt, acht Jahre später, seine Aufgabe. Sie wird sogar in der Belegung der Vierer-Wohneinheiten auf dem „Homeground“ in Herzogenaurach sichtbar: „Das wurde positionsbezogen aufgeteilt“, erzählt der 29-Jährige. „Ich bin mit den anderen Außenverteidigern in einer Unit.“ Mit David Raum, Benjamin Henrichs, Maxi Mittelstädt. Eine Zentrale-Mittelfeld-WG wäre definitiv bossiger – doch seinen Platz als Bestimmer des deutschen Spiels hat Kimmich verloren. Nach all den Jahren, in denen er seine Ambitionen zur Schau stellte, ist er eher zu einer Randfigur geworden. Auch im Verein, bei den Bayern.
Nach außen hin bewältigt Kimmich die Versetzung mit Gleichmut. „Es ist ein anderes Anforderungsprofil, aber ich habe mich schnell zurechtgefunden.“ Er trainierte in München zusätzlich auf dem Platz der FT Gern, um sich in die veränderte Rolle einzugewöhnen. Auch wenn der mittelfristige Plan sein dürfte, wieder den Sechser oder Achter geben zu können. Muss ja nicht bei den Bayern sein.
Kimmich ist in einer kommoden Situation. Sein Vertrag in München läuft noch ein Jahr, bis 2025. Ihn ziehen zu lassen, ohne für ihn zu kassieren, kann sich der neue Sportvorstand Max Eberl nicht leisten. Und der Name Kimmich ist eine internationale Marke, seit er nach der EM 2016 im All-Star-Team (als rechter Verteidiger) zu lesen war. Bisher schien alles Bemühen auf den FC Bayern konzentriert. Es schien sein Lebensverein zu sein, bei der letzten Vertragsverlängerung ließ er demonstrativ seinen Berater außen vor. Er demonstrierte damit nicht nur die eigene Reife, sondern auch Vertrauen in die Bayern. Jetzt klingt er distanzierter. Der neue Trainer Vincent Kompany? „Ich freue mich, dass wir einen neuen Trainer gefunden haben, wenigstens ist diese Baustelle weg.“ Beurteilen kann er den Belgier als Trainer nicht: „Ich kenne ihn nur als Spieler, aus der Ferne.“ Den Fokus lege er nun auch auf Nationalmannschaft und EM, „danach wird es sicher ein Gespräch mit dem FC Bayern geben. In erster Linie ist für mich wichtig, was der Verein denkt. Er ist mein erster Ansprechpartner.“ Es hört sich geschäftsmäßig an. GÜNTER KLEIN