Balanceakt: Bundestrainer Julian Nagelsmann wird auch als Moderator gefragt sein. © epa/RONALD WITTEK
Begeisterung pur? Der DFB muss sich auch mit politischen Themen rumschlagen. Dennoch hofft man auf ein „Wir-Gefühl“ wie 2006. © dpa/Kay Nietfeld
Nürnberg – Der DFB hatte es sich so schön vorgestellt. Das leidige Thema Kapitänsbinde rechtzeitig abgeräumt, die mehrheitsfähige Aufgabe Nachhaltigkeit als zeitgemäßer Überbau – so ließe sich doch ganz störungsfrei von missliebigen politischen Debatten ein Fußballfest im Herzen Europas feiern. Doch der Anpfiff zur Heim-EM ist noch eineinhalb Wochen hin, da wird das Turnier schon von hoch aufgeladenen Diskussionen überlagert.
Von Julian Nagelsmanns Auftritt vor dem EM-Test gegen die Ukraine sorgten weniger die Ausführungen des Bundestrainers zu Aufstellung oder Taktik für Aufsehen, hängen blieb sein Satz über die „scheiß Umfrage“ des WDR zu Hautfarbe und Herkunft seiner Nationalspieler. Dass Nagelsmann wie zuvor Joshua Kimmich klare Kante zeigte gegen Rassismus und betonte, er wolle keinen seiner Profis missen, ging in der Aufregung vielerorts fast unter. „Wir müssen aufwachen!“, rief er fast verzweifelt ob der Lage der Nation.
Einfordern wollte und will der Deutsche Fußball-Bund derartige Bekenntnisse von seinen Trainern und Spielern nicht mehr. Das ist eine Lehre aus der WM in Katar 2022. Damals beeinflussten die überhitzten politischen Kontroversen die Vorbereitung bis unmittelbar vor dem Anpfiff des deutschen WM-Auftakts. Viele Spieler fühlten sich allein gelassen, Bundestrainer Hansi Flick machte die Debatten später mitverantwortlich für das blamable Aus in der Vorrunde.
Diesmal soll alles anders werden. Der DFB träumt beim „Leuchtturmprojekt“ Heim-EM wie sein leitender Angestellter Nagelsmann von einem Sommermärchen 2.0. Doch die Vergleiche mit der WM 2006, mahnte Geschäftsführer Andreas Rettig, seien „untauglich“ – zu unterschiedlich seien die Rahmenbedingungen.
Jetzt, betonte Rettig, drückten „Kriege und Konflikte“ wie in der Ukraine oder Gaza, dazu „die mühselig überstandene Pandemie“ oder die Inflation „aufs Gemüt und aufs Portemonnaie“. Doch auch Rettig kam nicht ohne den Hinweis aus, er sehe aufgrund der begeisternden Auftritte der Nationalelf gegen Frankreich und die Niederlande jetzt einen „positiven Spin“.
Also doch: Fußball als Stimmungsaufheller? Wie 2006, als Innenminister Wolfgang Schäuble das Turnier im Abschlussbericht der Bundesregierung würdigte als „eine Integrationsveranstaltung, wie man sie schöner und wirkungsvoller nicht hätte erfinden können“. Als sich ein ganzes Land sonnte in einem neuen, friedlich-freundlichen Nationalgefühl und Bundespräsident Horst Köhler erleichtert ausrief: „Ich finde gut, dass ich nicht mehr der einzige bin mit einer Flagge am Auto.“ Die deutsche Botschaft in Abu Dhabi bilanzierte beglückt: Die WM „war ohne Zweifel die beste PR-Maßnahme für die BRD seit Bestehen“.
Und diesmal? Auch Rettig hofft, „dass ein Wir-Gefühl entsteht in diesen düsteren Zeiten“. In denen besagte WDR-Umfrage den alltäglichen Rassismus abbildet, der auch vor dem DFB-Team nicht Halt macht. In denen Nagelsmann hofft, der Test gegen die Ukraine und die EURO mögen dem kriegsgeschundenen Gegner „Ablenkung“ bringen. In denen Politiker wie Kanzler Olaf Scholz beim Stadion-Besuch in München oder zuvor Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im DFB-Trainingslager in Blankenhain die Nähe zum Fußball suchen wie einst Angela Merkel und Köhler.
Der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Besonderen waren schon immer Politik. Nagelsmann hat das verstanden und sich dennoch vor wenigen Monaten gewünscht, dass man seine Mannschaft „aus allen Debatten heraushält“. Andernfalls – siehe Katar – schlage dies „in der Regel auf die Leistung“. Die vergangenen Tage zeigen: Die Spieler und der Bundestrainer werden es aushalten müssen.
SID