Nicht euphorisch, eher pragmatisch

von Redaktion

Julian Nagelsmann würde dreimal ein 2:1 in der EM-Vorrunde unterschreiben

Es läuft nicht so rund wie noch im März: Auch von Mittelfeldchef Toni Kroos kam nichts Zündendes. © dpa/Christian Charisius

Mönchengladbach – Kai Havertz hatte den Ball ins griechische Tor geschossen, aber ohne die letzte Körperspannung, denn die Fahne des Linienrichters war nach oben gegangen. Die deutsche Mannschaft fügte sich schnell in die Erkenntnis: Nein, kein Tor.

Doch im Stadion wurde gefeiert. Aus den Boxen dröhnte die Torhymne „Völlig losgelöst“, als solle per Lautstärke erzwungen werden, dass die Anzeige endlich auf 1:1 umspringt. Als das Spiel dann mit Freistoß für die Griechen in deren Strafraum fortgesetzt wurde, kapierte es auch der Goßteil des Publkums: War Abseits.

Die Bereitschaft zur Party ist spürbar in der deutschen Fußball-Gemeinde, die kurz vor Beginn eines Heimturniers auch wieder größer wird. Nachdem es durch Pascal Groß‘ Kunstschuss zum 2:1 dann doch noch den angestrebten Abschlusssieg der Vorbereitung gegeben hatte, wurde die Nationalmannschaft auch sehr freundlich ins Wochenende verabschiedet. Allerdings dominierten zum Ende der ersten Halbzeit Pfiffe die Akustik – ein Indiz dafür, dass der frisch ausgerufene Rückhalt für das im März umformatierte Team Grenzen hat. Die Stimmungslage ist – wohl aufgrund der Enttäuschungen der Jahre seit 2017 (überraschender Gewinn des Confederations Cup) – doch fragiler, als es der in der Rehabilitationsphase befindliche DFB gerne hätte.

0:0 gegen die Ukraine, 2:1 gegen die nicht für die Europameisterschaft qualifizierten Griechen, aktuelle Nummer 50 der Weltrangliste – das klingt nicht so beeindruckend wie die März-Resultate: 2:0 in Frankreich, 2:1 gegen die Niederlande, zwei Fußball-Großnationen. Und in der Tat waren die Juni-Partien deutlich schlechter. Das sahen die Beteiligten auch ein. „Ich hatte in der ersten Halbzeit Ballverluste, die ich sonst nicht habe“, sagte Jamal Musiala. „Es ergaben sich viele Umschaltmomente für Griechenland durch unsere Ballverluste, wir haben es uns im Endeffekt schwer gemacht“, meinte Maximilian Mittelstädt und blickte voraus auf Freitag, wenn es in München gegen Schottland ernst wird: „Hoffentlich fliegt uns das dann nicht um die Ohren.“

Als das Gute kann man aus dem griechischen Abend mitnehmen, das Szenario, wie mir einem Rückstand umzugehen ist, durchgespielt zu haben. „Schlechte erste, gute zweite Halbzeit“, fasste es Benjamin Henrichs zusammen, der eingewechselt wurde und einen Lattenknaller landete. „Wir müssen daran arbeiten, dass wir gleich im Spiel sind“, fordert er. Klingt ein wenig nach Werbung für sich selbst, doch seines positiven Einflusses auf das Spiel wird der Leipziger Außenverteidiger nur der Kimmich-Back-up sein. Daran, wie Bundestrainer Julian Nagelsmann seine Elf aufbaut, haben die jüngsten Eindrücke nichts geändert. „Wir haben 13 Spieler, die für die Start-Elf in Frage kommen. Sie wird ungefähr so aussehen wie diesmal.“ Allerdings hat er aus dem Besuch von Basketball-Kollege Gordon Herbert die Weisheit bezogen: „Nichts ist in Stein gemeißelt. Das sagt man auf Englisch genauso wie im Deutschen.“

Die Stimmung nach dem 2:1 gegen Griechenland nannte Nagelsmann „nicht euphorisch“. Es war mehr ein „Job erfüllt. Aber wir müssen pragmatisch sein. Es geht darum, ein Tor zu machen.“ Dreimal 2:1 in der EM-Vorrunde „würde ich unterschreiben“.

Die Mannschaft wünscht sich mehr als Ergebnis-Pflichterfüllung. Pascal Groß hofft, „dass wir mit den Fans zusammenkommen und das Turnier gemeinsam genießen.“ Er trug nach dem Spiel ein Shirt, auf dem „One team, one dream“ stand: „Das ist die Modemarke eines Freundes, ich unterstütze sie. Aber der Spruch passt ganz gut.“ GÜNTER KLEIN

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