Volle Rückendeckung für Neuer

von Redaktion

Der DFB versucht, die Diskussion um seinen schwächelnden Torhüter zu entkräften

„Er verliert wichtige Aktionszeit“: Manuel Neuer gab gegen Griechenland eine unglückliche Figur ab. © dpa/Christian Charisius

Mönchengladbach – Manuel Neuer kam als Letzter aus der Kabine. Auf einem abgetrennten Bereich des Mönchengladbacher Borussia-Parks warteten die Autos vom Fahrdienst, um die Nationalspieler in ihr freies Wochenende zu bringen. Doch ein wortloser Abgang mit gesenktem Kopf hätte ein Bild geschaffen, das der Torwart nicht von sich vermitteln wollte. Stattdessen: Souveränität, aufrechter Gang, ein in Körpersprache formuliertes „Ist irgendetwas Außergewöhnliches passiert?“. Neuer ließ sich von einem der DFB-Bodyguards einen Filzstift reichen und steuerte den Fanpulk am Absperrgitter, den seine Kollegen lediglich aus der Ferne gegrüßt hatten, zielstrebig an. Autogramme, Fotos – könnt ihr haben.

Der mehrmalige Welt-Torhüter erlebt etwas in seiner Karriere noch nicht Dagewesenes: eine offene Diskussion um seine Berechtigung, die Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft zu sein. Zwar galt seinem Mitbewerber Marc-André ter Stegen seit Jahren das Bedauern, zur falschen Zeit geboren zu sein, doch gerade verändert sich etwas. Bei Neuer häufen sich die Fehler über Einzelfälle hinaus. Die Statistiken zu seiner Rückrunde in der Bundesliga verordnen ihn mit Minuswerten weitab von der nationalen Spitze, während ter Stegen hochdekoriert als „Spieler der Saison“ aus Spanien kommt und halt sechs Jahre jünger ist. Eine mediale Diskussion ist in Gang gekommen, Internet-Portale schieben Umfragen an: Neuer oder ter Stegen?

Am Samstagabend war das Thema auch im „Sportstudio“ des ZDF präsent, es wurde zu Christoph Kramer in den Urlaub nach Mallorca geschaltet. Kramer war 2014 mit Neuer Weltmeister, als Experte beim Zweiten scheut er Klartext nicht – doch er wird dann zum Beispiel dafür, dass die persönliche Verbundenheit über dem Erkennen von Tatsachen steht. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Manu in zwei Spielen hintereinander patzt, ist sehr gering“, erklärte Kramer. Dem Faktencheck hält die Aussage nicht stand. Neuer verschuldete beim 2:1 gegen Griechenland das Gegentor, vier Tage zuvor gegen die Ukraine blieb sein Fehlzuspiel nur dank einer Abseitsstellung folgenlos, im letzten Bundesligaspiel der Saison in Hoffenheim mussten ihm zwei Treffer angelastet werden. Er schwächelte beim 1:3 der Bayern in Stuttgart und konnte in der Champions League in Madrid einen Ball an seine Brust nicht festhalten.

In den meisten dieser Spiele zeigte er auch herausragende Paraden, deshalb ergibt sich kein eindeutiges Bild. „Klar, das darf nicht passieren“, meinte Neuer zu seinem Lapsus gegen die Griechen, „doch ich denke, ich habe in beiden Länderspielen eine gute Leistung gezeigt.“ Bundestrainer Julian Nagelsmann sah den Schuss, den sein Torwart nicht meistern konnte, schuldmindernd „minimal abgefälscht“ (durch Antonio Rüdiger) und attestierte Neuer „drei Weltklasse-Paraden“.

Der Tenor im Team lautete: Natürlich ein Fehler von ihm zum 0:1, doch das ändere nichts am Grundsätzlichen. „Wenn er keine Sicherheit ausstrahlt, wer dann?“, fragte Verteidiger Maxi Mittelstädt plakativ. „Ich habe ihn zum zweiten Mal live im Training gesehen. Er ist ein unfassbar guter Torhüter, er hat mich unfassbar begeistert“, erklärte Pascal Groß. „Normal kassieren wir zwei, drei Tore mehr. Er hat nach dem Fehler gut gespielt, man sollte ihn einfach in Ruhe lassen“, lautete das Plädoyer von Benjamin Henrichs. Diese drei Spieler hatte der DFB zu den Medien geschickt – Fundamentalkritik an Neuer war von ihnen nicht zu erwarten.

Unbefangen kritisch kann hingegen Sascha Felter sein. Der Leipziger hat sich einen Namen gemacht mit Keeperanalysen für Podcasts, Blogs und Zeitschriften. Ihm ist augefallen, dass Neuer seit einiger Zeit einen Auftaktsprung vor den eigentlichen Abdruck setzt. „Dadurch verliert er wichtige Aktionszeit.“ Kontraproduktiv war dann auch Neuers von der gängigen Torwartschule abweichende Fangtechnik: „Er schiebt nicht erst die untere Hand hinter den Ball, sondern versucht ihn mit der oberen Hand zu sichern.“ Ging schief.

Trotz alledem: Einen Torwartwechsel wird es jetzt nicht mehr geben. Zumindest ist Nagelsmann entschlossen, seine Zuage an Neuer aufrechtzuerhalten: „Ich lasse keine Diskussionen aufkommen.“ Und auch Rudi Völler sagte am Sonntag der „Bild“: „Manuel genießt unser absolutes Vertrauen!“ GÜNTER KLEIN

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