Mister Sommermärchen 2006: Jürgen Klinsmann. © Imago
München – Alle hoffen jetzt wieder auf ein Sommermärchen – wie bei der Heim-WM 2006, als Jürgen Klinsmann (59) das Land mit der DFB-Auswahl schweben ließ (Platz drei). Unser Interview mit dem ehemaligen Bundestrainer.
Jürgen Klinsmann, wie überraschend waren diese WM-Wochen 2006 im Rückblick?
Es war nicht vorhersehbar, dass es zu so einem Ausbruch an Gefühlen kommt. Wir hatten natürlich den Wunsch, dass diese WM was Besonderes wird, dass diese WM genutzt wird, weltweit ein neues Deutschlandbild zu transportieren. Und das ist in größtem Maße gelungen. Man hat wirklich ein neues Deutschland gesehen, ein offenes, multikulturelles Deutschland. Das haben wir uns alle gewünscht.
Was war ausschlaggebend für den kollektiven Glückstaumel?
Du brauchst eine Mannschaft, die die Fans mitnimmt. Aber noch mal: Dass das so eine große Welle wird, war nicht vorstellbar. Es waren Riesen-Emotionen, die es so noch nie gegeben hat – mit dem Höhepunkt in Berlin nach dem Spiel um Platz drei. Da waren am Brandenburger Tor eine Million Menschen, das war unbeschreiblich. Deswegen auch Sommermärchen – obwohl wir nicht Weltmeister wurden.
Mussten Sie angesichts der Euphorie im Lande Ihre Pläne zwischenzeitlich anpassen?
Wir haben die Mannschaft schon im Vorfeld darauf vorbereitet, dass das etwas Besonderes, etwas Unvergessliches wird – eine WM im eigenen Land, die erste Großveranstaltung nach der Wiedervereinigung. Deshalb sind die Spieler mit der ganzen Situation gelassen umgegangen.
Sie hatten sich 2006 für ein Teamquartier in Berlin entschieden. Warum?
Wir wollten, dass die Spieler die Stimmung aufsaugen. Die konnten raus, die konnten ihre Familien sehen, die konnten ins Restaurant gehen, ins Kino gehen oder sonst was – einfach mal rein ins Getümmel. Ich glaube, das hat ihnen einen Riesenspaß gemacht. Aber letztendlich steht und fällt alles mit der Leistung und dem Erfolg der Mannschaft.
Die Leistung stimmte von Beginn an…
Da war dieses Tor von Philipp (Lahm/Red.), der das Ding gleich im ersten Spiel gegen Costa Rica in den Winkel gejagt hat: Da schoss diese Welle das erste Mal nach oben. Und da habe ich gesagt: Gebt einfach weiter Gas und habt Spaß!
Und der Druck bei einem Turnier im eigenen Land?
Natürlich war die Erwartungshaltung hoch, aber das war ja auch stimulierend. Das gab dem Ganzen eine größere Bedeutung. Die Mannschaft hat das damals richtig aufgesaugt, die Jungs waren überhaupt nicht gestresst. Nach dem späten Tor von Oliver Neuville gegen Polen (1:0/Red.) hat sich die Welle dann noch mal verdreifacht. Da hat jeder gewusst: Wir sind eine der Mannschaften, die das Ding auch gewinnen kann.
Was muss denn passieren, dass sich so eine Geschichte wiederholt?
In der Sache kann sich das schon wiederholen, auch wenn sich die Zeiten sehr geändert haben. Wenn die Mannschaft Freude hat und mit einem Auftaktsieg gegen Schottland gut ins Turnier reinkommt, wenn sie einen Rhythmus findet, dann kann sicher wieder so eine Welle entstehen. Ich habe ein sehr, sehr gutes Gefühl.
Was macht Sie so zuversichtlich?
Ich glaube, dass Julian (Nagelsmann/Red.) ein Trainer ist, der genau zur richtigen Zeit kommt. Er hat als junger Kerl einen sehr guten Zugang zu dieser Generation. Er weiß, wie die ticken. Er hat aber auch eine klare Linie gefunden und klare Vorstellungen, wie er das Turnier angehen möchte. Natürlich brauchst du auch Glück, dass das erste Spiel funktioniert und du gut reinkommst. Dann ist alles denkbar, wie wir es ja auch 2006 erlebt haben. Dann kann es ein Mega-Erlebnis werden.
Ist die Mannschaft gut genug?
Die ist absolut schlagkräftig und kann um den Titel mitreden. Wir haben das Spielermaterial, um für Furore zu sorgen. Die spielen alle bei Top-Klubs in Europa. Für mich zählt das DFB-Team genauso zum Favoritenkreis wie England, Spanien, Italien, Portugal und Frankreich. Da ist was machbar. Es ist nach schwierigen Zeiten der Moment da.
INTERVIEW: THOMAS NIKLAUS