Plauderauftritt: Musiala (l.) und Wirtz. © AFP/SCHWARZ
Herzogenaurach – Großes Fußballturnier in Deutschland, man denkt dieser Tage immer wieder daran, wie es 2006 war bei der WM. Die fröhlichen Gesichter von damals gehörten Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, dem Schabernack-Duo, das in Sönke Wortmanns begleitendem Sommermärchen-Film Kartoffelchips-Tüten auf den Hotelzimmern hortete. Bei Jamal Musiala und Florian Wirtz kann man sich das nicht so vorstellen, denn sie sind zwar auch Repräsentanten eines speziellen Spielwitzes, doch ihr Leben außerhalb des Platzes wirkt bestimmt vom Selbstoptimierungsbestreben. Um sie herum sind viele Leute, die einen Plan mit ihnen haben.
Also, steckt überhaupt etwas von Schweini & Poldi in Bambi & Flo oder „Wusiala“, wozu der erste Versuch einer Konglomeration der zwei Namen führt? Musiala und Wirtz sind beide Jahrgang 2003, wie Schweinsteiger und Podolski als Debütanten kurz vor der EM 2004 erstmals zusammen auf einem Pressekonferenzpodium feixten, können sie als Einjährige nicht mitbekommen haben. Bastian Schweinsteiger ist nun ein ergrauter TV-Experte, Lukas Podolski, der als 38-Jähriger immer noch spielt (in Polen), hat heute vor allem in der Werbung Präsenz. Können Musiala und Wirtz noch etwas anfangen mit Figuren, deren große Zeit vorbei war, als sie, die jetzigen Nationalspieler, Kinder waren?
Es gibt eine Ahnung, was Schweinsteiger und Podolski darstellten. Doch Florian Wirtz spricht auch für Musiala, der sich ausdrücklich anschließt: „Es ist eine Ehre, wenn wir mit solchen Idolen verglichen werden. Doch wir wollen uns nicht in diese Rolle packen, die neuen Schweinsteiger und Podolski zu sein. Wir sind auch andere Spielertypen.“
Die Parallele zu 2006 könnte allenfalls sein, dass zwei, die selbst noch jung sind, ihre Alterskohorte auf besondere Weise mitnehmen in dieses Turnier. Und auch sie sind Spieler, die herausstechen in einer Zeit, die sich für den deutschen Fußball bleiern anfühlt. Schweinsteiger konnte sehr sicher mit dem Ball umgehen, Podolsk wusste, wo das Tor stand – Musiala und Wirtz sind in der Lage, im Dribbling eine gegnerische Abwehrkette auseinanderzunehmen. „Überragend im Eins gegen eins“, nennt Toni Kroos sie und bezeichnet eine Fähigkeit, die in den Nachwuchszentren nicht mehr hinreichend gelehrt wurde. Da erscheinen die beiden 21-Jährigen aus München und Leverkusen wie Erlöser. Bundestrainer Nagelsmann verlangt von ihnen, „dass wir auch Gegenpressing leisten und Wege zurück machen“ (Musiala), doch räumt ihnen kreative Freiheiten ein. Auch deswegen agiert zwischen den Youngstern der erfahrene Ilkay Gündogan. „Er macht die taktischen Sachen, damit wir nicht denken müssen“, erklärt Jamal Musiala, der, obwohl er bereits in sein drittes Turnier als A-Nationalspieler geht, von den meisten Mitspielern noch „Bambi“ genannt wird.
Es gab Zweifel, ob die Zocker Wirtz und Musiala nicht zu typgleich seien für eine Mannschaft und eigentlich Rivalen um eine Position sein sollten. Sie sehen das nicht so. Wirtz sagt: „Ich würde irgendwann gerne mehr Zeit mit Jamal verbringen.“ Was zu der brisanten Frage führt, ob sie mal für denselben Verein spielen wollen. „Wir haben da schon Späße gemacht“, sagt der Leverkusener. Natürlich würde eher er zu den Bayern gehen als Musiala zu Bayer.
2006 nach der WM übrigens wechselte der Kölner Podolski zu Schweinsteiger und den Bayern. GÜNTER KLEIN