Eitelkeiten und Rivalitäten

von Redaktion

Rüdiger, Kroos & Co. – es geht um Chefansprüche in Abwehr und Zentrum

Demonstrierten am Dienstag wieder Einigkeit: Toni Rüdiger (l.) und Niclas Füllkrug. © IMAGO

Herzogenaurach – Mit wem er sich in der Nationalmannschaft am besten verstehe, wurde Niclas Füllkrug gefragt. Er sagte: „Marc, Jo, Toni“ und meinte Marc-Andre ter Stegen, Joshua Kimmich und Antonio Rüdiger. Abwehrkante Rüdiger hatte ihn nach dem Champions-League-Finale zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund sogar brüderlich in den Arm genommen „und ihm zu seinem Weg gratuliert“.

Die Freundschaft sah man den beiden beim öffentlichen Training des DFB dann nicht unbedingt an, ihre Zweikämpfe Innenverteidiger der A- versus Sturmspitze der B-Mannschaft gerieten kernig und führten bei Füllkrug zur Forderung, der Schiedsrichter (Standard-Trainer Mads Buttgereit) möge mal einschreiten. „Ich muss ein bisschen den Wind aus den Segeln nehmen: Das war nicht so ernst gemeint“, versicherte Toni Kroos zwar, dass die gegenseitige Sympathie zwischen Rüdiger und Füllkrug bestehen bleiben werde. Aber ein Indiz war es schon: Man darf sich der Harmonie in einem opulent besetzten Kader nie sicher sein. Trotz aller klärenden Rollengespäche, die Bundestrainer Julian Nagelsmann vor der Nominierung geführt hat: Rivalitäten gibt es. Und kleine Eitelkeiten auch unter Stammspielern.

Toni Kroos lässt die Kollegen zwischen den Zeilen schon wissen, dass er eine Stufe über allen anderen steht. Gerne lobt er die jungen Florian Wirtz und Jamal Musiala, die auf dem Spielfeld in seiner Nähe sein werden. „Es gibt für beide wenig Limits“, sagt er, „die Voraussetzungen sind definitiv da.“ Es muss ein Aber kommen, und es kommt: „Das eine ist das Versprechen, das andere ist, es einzulösen. Weltklasse ist es, wenn du es über zehn Jahre machst.“ Zehn Jahre – exakt die Verweildauer von Kroos bei Real Madrid. Für die Jungspunde ist es da noch lange hin. Mit seiner Rückkehr in die Nationalmannschaft hat er deren Statik verändert, grundsätzlich zum Guten, doch dafür mussten sich andere anpassen. Joshua Kimmich, dem der Weg in die Mittelfeldzentrale somit verstellt wurde, und Ilkay Gündogan, für den es trotz Kapitänsamt schwerer geworden ist, sich in der ersten Elf zu behaupten. Nun gibt es ein Kroos- und ein Gündogan-Revier, die Aufteilung hat bereits bei der EM 2021 nicht perfekt funktioniert.

Besondere Kommunikation sei aber nicht erforderlich, findet Kroos. Gündogan agiere zehn, fünfzehn Meter weiter vorne. „Ily weiß, was zu tun ist“, glaubt Kroos, „man muss ihn nicht groß von hinten coachen“. Heißt: Mastermind Toni verzichtet generös auf explizite Anweisungen an den Mann, der auch schon die Champions League gewonnen hat (nur halt nicht so oft).

Das Zentrum der Abwehr werden Antonio Rüdiger und Jonathan Tah bilden. Sie sind mit ihren Fähigkeiten und Vorleistungen das logische Duo, sie erfüllen auch die Voraussetzung, dass der eine lieber links, der andere ein Stück weiter rechts agiert. Sie haben auch das Los geteilt, lange im Schatten der 1a-Besetzung Mats Hummels/Jerome Boateng gestanden zu sein. „Jonathan hat eine hervorragende Entwicklung genommen“, sagt Rüdiger, „er ist der beste deutsche Verteidiger.“ Der Satz ist kaum ausgesprochen, da merkt Antonio Rüdiger, dass er doch nicht in seinem Sinne ist. Er korrigiert: „Er ist der beste Verteidiger in der Bundesliga.“ Der beste deutsche Verteidiger spielt natürlich bei Real Madrid. GÜNTER KLEIN

Artikel 1 von 11