„Jeder träumt vom Titel“

von Redaktion

DFB-Hoffnung Musiala über die EM, seinen Oberkörper und Extraschichten

Treffpunkt Herzogenaurach: Musiala und Reporter Bonke.

Auf seine offensive Akzente hofft man beim DFB: Jamal Musiala im Test gegen Griechenland. © IMAGO

Jamal Musiala ist mit gerade einmal 21 Jahre die große EM-Hoffnung der deutschen Nationalmannschaft. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über das Turnier, seinen Oberkörper und Extra-Schichten mit Sandro Wagner.

Herr Musiala, eine Woche vor dem EM-Auftaktspiel war in München die Nummer Zehn ausverkauft.

Das ist schön zu hören. Das will man als Spieler ja: Dass die Fans einen mögen und dein Trikot kaufen. Hoffentlich werden noch mehr Nummern produziert, damit sich alle ihr Trikot noch mit der Nummer Zehn beflocken lassen können. Aber ernsthaft: Ich versuche weiter, meine Fans stolz zu machen und erfolgreich zu spielen.

Wenn öffentliche Trainingseinheiten stattfinden, wird Ihr Name am lautesten skandiert. Ist das noch etwas Besonderes?

Natürlich! Ehrlicherweise glaube ich schon, dass man sich nach einer Zeit irgendwie daran gewöhnt, aber davon bin ich persönlich noch weit entfernt. Es ist immer etwas Schönes, wenn mich die Fans feiern. Das gibt mir ein gutes Gefühl für die bevorstehenden Aufgaben. Darum versuche ich immer, alles zu geben – damit auch alle happy sind.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr EM-Debüt in München gegen Ungarn vor drei Jahren?

Leon hat das Tor zum 2:2 gemacht – und wir brauchten dieses Tor, um weiterzukommen. Ich bin reingekommen und habe mir in den Kopf gesetzt: Sei nicht schüchtern und geh mit ein bisschen Risiko in deine Aktionen. Das hat Gott sei Dank geklappt (lacht). Es war eine richtig coole Erfahrung, damals dabei zu sein und ein paar Spielminuten zu sammeln. Das war ein großer Moment für mich. Jetzt werde ich bei der EM wahrscheinlich etwas länger auf dem Platz stehen (lacht).

Wie hat sich Ihre Spielweise von damals verändert? Leroy Sané meinte kürzlich, Sie seien auf dem Platz „erwachsener“ geworden.

Ich glaube schon, dass ich im Vergleich zu damals nochmal eine große Entwicklung gemacht habe. Es ist aber auch mein Anspruch, mich täglich weiterzuentwickeln. Ich habe körperlich zugelegt und viel Spielpraxis und Erfahrung gesammelt – vor allem in großen Spielen. Je mehr Spiele man macht, desto mehr Gefühl bekommt man für gewisse Situationen. Da fühle ich mich schon sehr weit.

Sie haben auch an Muskelmasse zugenommen, wenn man Ihre Statur von damals und heute vergleich.

In den vergangenen zwei Jahren habe ich nochmal ordentlich an Muskeln zugelegt. Meinen Oberkörper trainiere ich aber nicht viel, sondern arbeite mehr an meinen Beinen – damit ich einen noch robusteren Stand habe. Ich fühle mich echt stabil in den Zweikämpfen und habe nicht das Gefühl, dass ich obenrum noch zulegen muss. Ich will meine Geschwindigkeit auch nicht verlieren, daher versuche ich mehr an den Beinen zuzulegen.

Mittlerweile werden Sie häufig in Manndeckung genommen. Welchen Einfluss hat das auf Ihr Spiel?

Da wären wir wieder beim Thema Erfahrung. Mit der Zeit weiß man, wie man richtig antizipiert. Aber es stimmt, in den vergangenen Jahren haben die Gegner häufig besonders auf mich geachtet, damit ich nicht mehr so viele freie Räume bekomme. Dann braucht man Gefühl: Wann kann ich trotzdem ins Risiko gehen und zum Dribbling ansetzen? Oder ist es besser, einen Doppelpass zu spielen oder den Angriff abzubrechen?

Ist das vielleicht auch die Herausforderung für einen Top-Spieler wie Sie – sich gegen mehrere Gegenspieler gleichzeitig durchsetzen?

In gewisser Weise ist es ja ein Kompliment für mich, dass die Gegner in mir eine Gefahr sehen und Respekt haben. Dieses Päckchen müssen alle Top-Spieler mit sich tragen: Dass sich die Gegenspieler auf einen einstellen und entsprechend attackieren.

Wo wollen Sie sich als Spieler konkret noch verbessern?

Der Torabschluss und meine Schusstechnik stehen weit oben auf meiner Liste. Ich bin schon der Meinung, dass ich vorm Tor noch selbstbewusster und effizienter werden muss.

In München trainieren Sie regelmäßig Ihren Torabschluss, hier bei der Nationalmannschaft auch?

Wenn es mir körperlich gut geht, schon. Ich will Torabschlüsse in realistischen Szenarien üben, die auch so im Spiel vorkommen könnten. Das gehört zu meiner Routine nach den Trainingseinheiten. Meistens muss Sandro Wagner herhalten. Beim FC Bayern war es zuletzt Anthony Barry. Ich finde immer jemanden (lacht).

Ein Treffer von Ihnen gegen Schottland könnte helfen, das so wichtige Eröffnungsspiel zu gewinnen.

Wir gehen selbstbewusst in unser erstes Spiel. Ein Sieg ist wichtig, um gut zu starten und gleich in einen Flow zu kommen. Das hilft uns dann bei den nächsten Gruppenspielen. Wir müssen uns gut vorbereiten und dürfen die Schotten auf keinen Fall unterschätzen. Jeder träumt vom Titel, aber wir müssen uns von Spiel zu Spiel ins Turnier kämpfen und besser werden. Dann könnte es weit gehen für uns.

INTERVIEW: MANUEL BONKE UND PHILIPP KESSLER

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