„Nagelsmann weiß, was er will“

von Redaktion

DBB-Coach Gordon Herbert über seinen Besuch beim DFB, Teambuilding und seine Zukunft

Meinungsaustausch auf großer Ebene: Gordon Herbert (Mitte) mit DFB-Kollege Julian Nagelsmann und DFB-Sportdirektor Rudi Völler. © dpa/Charisius

München – Der Mann weiß, wie man bei großen Turnieren Erfolg hat. Binnen von zwei Jahren führte Gordon Herbert die deutschen Basketballer erst zu EM-Bronze im eigenen Land, dann zum Weltmeistertitel. Vor einigen Tagen gab er seine Erfahrungen in Herzogenaurach an die Kicker weiter. Unsere Zeitung sprach darüber mit dem 65-Jährigen.

Sie waren zuletzt noch im EM-Quartier der deutschen Fußballer zu Gast. Was haben Sie der Mannschaft erzählt?

Das war wirklich eine super Erfahrung. Ich habe erst mit Julian Nagelsmann und seinem Trainerstab, dann noch einige Minuten mit den Spielern gesprochen. Die Details sind jetzt nichts für die Öffentlichkeit. Aber natürlich haben wir viel über letztes Jahr gesprochen und darüber was wir für unseren Erfolg getan haben.

Was haben Sie Ihrem Kollegen Nagelsmann mit auf den Weg gegeben?

Das wäre zu viel gesagt. Aber ich denke mal, wir haben beide einiges aus dem Gespräch gezogen. Mir hat seine Vision gut gefallen. Er ist ein Typ, der weiß, was er will. Und er hat eine Mannschaft, die eine gute Körpersprache hat. Das sieht gut aus.

Nagelsmann meinte, er will sich für das EM-Projekt die Basketballer zum Vorbild nehmen. Kann man Prinzipien auf andere Sportarten übertragen?

Sicher. ich nehme auch viel aus anderen Sportarten mit. Zumindest spreche ich viel mit Kollegen. Vor Weihnachten habe ich zum Beispiel mit Thomas Tuchel gesprochen, jetzt mit Nagelsmann. Du musst offen sein. Und diese Leute sind offen. Aber um die Frage zu beantworten: Gerade wenn man vom Aufbau eines Teams spricht, ist die Herausforderung schon ähnlich. Du brauchst Elitespieler, zwei oder drei vielleicht. Und du brauchst die Rollenspieler. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich nicht viel über Fußball weiß. ich bin mehr ein Eishockey– als ein Fußballtyp.

Muss ein Elitespieler zumindest einer der besten Spieler sein. Oder die beste Persönlichkeit?

Es hilft natürlich, wenn er einer der besten ist. Einen Elitespieler zu definieren ist von dem her einfach. Toni Kroos zum Beispiel, ich habe eine ganze Weile mit ihm gesprochen. Er ist nicht nur einer der größten Sportler aller Zeiten, er ist auch ein toller Mensch. Sehr bescheiden, sehr bodenständig. Es ist naheliegend, dass er ein Elitespieler ist. Rollen zu definieren ist im Gegensatz dazu schon sehr viel schwerer.

Sie selbst gestanden Dennis Schröder viele Freiheiten zu, auch das schwächere Viertelfinale. Sind Elitespieler unantastbar?

Unantastbar nicht. Aber Du gibst einem solchen Spieler natürlich Freiheiten. Wobei man sagen muss, dass Schröder sehr gut in die Rolle des Kapitäns hineingewachsen ist. Er hat das toll gemacht, er ist ein großartiger Anführer. Ihm kann man Freiheiten geben. Schwächere Spiele gehören dazu. Wir gewinnen und wir verlieren mit ihm.

Bei den Fußballern gibt es auf der anderen Seite üblicherweise sogar Spieler, die während eines Turniers überhaupt nicht spielen. So wie Kevin Großkreutz 2014, dem aber eine wichtige Rolle beim Titelgewinn zugesprochen wird. Ist das ein Widerspruch?

Überhaupt nicht. Das ist doch ähnlich wie mit Niels Giffey bei uns. Der hat nicht viel gespielt, in den letzten beiden Spielen überhaupt nicht mehr. Aber wenn er gebraucht wurde, dann war er immer voll da. Das ist eine große Stärke. Er setzt das Team an die erste Stelle. Ist sehr wichtig für die Kabine. So eine Rolle kann man gar nicht hoch genug schätzen.

Wie schnell, wie zeitig vor einem Turnier muss so ein System stehen?

Für mich ist immer klar: Ich will den Kader so schnell wie möglich bei zwölf Spielern haben. Das hängt natürlich sehr von der Gesundheit ab, von Verletzungen. Und baue dann das Team auf. Das ist ist natürlich auch einfacher als im Fußball, wo du 26 Spieler finden musst. Aber je mehr Zeit du hast um das Team zu formen umso besser.

Wie wird es diesmal aussehen? In drei Wochen ist Vorbereitungsstart für Olympia und der Großteil Ihrer Spieler ist noch in den verschiedenen Finals gebunden.

Ja, das stimmt. Ich hoffe natürlich, dass alles gut geht. Auch wenn die Belastung natürlich sehr hoch ist. Spieler wie Johannes Thiemann spielen angeschlagen. Aber wir werden sehen. Ich bin mit 16 Spielern erst einmal bei einem fünftägigen Vorbereitungsblock in München. Dann haben wir die Spiele gegen Frankreich. Da will ich bei zwölf Spielern sein.

Und wie geht es bei Ihnen selbst nach Olympia weiter?

Ich bin dabei, zu entscheiden. Ich hatte einige Angebote. Zwischen zwei Vereinen werde ich mich nächste Woche entscheiden. Beide sind nicht in Deutschland.

INTERVIEW: PATRICK REICHELT

Artikel 1 von 11