Bundes(r)adler schon in Titel-Fahrt

von Redaktion

Nagelsmann startet heute in die EM-Mission – die mit dem großen Wurf enden soll

(Noch) nur gucken, nicht anfassen: Nagelsmann mit dem EM-Pokal. © IMAGO

Des Bundestrainers liebstes Fortbewegungsmittel: Nagelsmann auf dem Fahrrad. © Specialized

Ob im Sattel oder in der Coaching-Zone: Julian Nagelsmann überlässt einfach nichts dem Zufall. © Specialized

Herzogenaurach – Wenn Julian Nagelsmann sich in den vergangenen Wochen und Monaten nicht den Kopf über seine Startelf und Taktik wegen des heutigen EM-Auftaktspiels gegen Schottland (21 Uhr, ZDF und Magenta TV) zerbrochen hatte, schwang er sich auf sein Mountainbike, um den Kopf frei zu bekommen. Als Testimonial für US-Radhersteller Specialized ist er freilich immer mit dem neuesten Material ausgestattet und überlässt – wie auch bei seiner Trainer-Arbeit – nichts dem Zufall.

Der 36-Jährige hat für die Europameisterschaft im eigenen Land einen klaren Plan im Kopf, bleibt aber trotzdem cool. „Es geht nicht um Leben und Tod. Es ist nur Fußball, es soll uns Spaß machen. Wenn wir uns selbst begeistern, werden wir auch die Fans begeistern.“ Und genau diese Begeisterung soll den „Bundesradler“ und sein Team in Titel-Fahrt bringen. „Die ganze Welt schaut auf uns, nicht nur Europa.“ Nagelsmann, der Anti-Angsthase, erwartet von sich selbst nicht weniger, als Deutschland zum Titel zu coachen.

Dafür hat er seit seiner Amtsübernahme knallharte Maßnahmen ergriffen: Der gebürtige Landsberger hat den Titelsammler Toni Kroos von Real Madrid reaktiviert, dafür ehemalige Leistungsträger wie Bayern-Star Leon Goretzka oder den Dortmunder Weltmeister Mats Hummels aus dem Nationalteam geworfen und durch Arbeiter wie Robert Andrich aus Leverkusen oder Pascal Groß von Brighton & Hove Albion ersetzt. Selbst als am Mittwoch bekannt wurde, dass der Münchner Shootingstar Aleksandar Pavlovic wegen einer Mandelentzündung die EM verpassen wird, nominierte Nagelsmann BVB-Kapitän Emre Can nach – und nicht Goretzka.

Das Wort Kader-Hygiene wird beim Bundestrainer groß geschrieben. Beim Abschlusstraining am Donnerstag-Vormittag waren alle Nationalspieler dabei, Nagelsmann kann gegen Schottland also aus dem Vollen schöpfen. Die Startelf steht bereits seit den März-Länderspielen gegen Frankreich und Holland, die eine Art Knotenlöse für die Nagelsmänner waren.

Dass der zweifache Familienvater das Rampenlicht liebt, ist mittlerweile in Fußball-Deutschland bekannt. Groß, größer, am größten: Das ist Nagelsmanns Kategorie, in der er am liebsten denkt. Die EM-Bühne mit gut 66 000 Fans in der Münchner EM-Arena und mehreren hundert Millionen TV-Zuschauern in aller Welt sollen sehen, dass drei deutsche Turnier-Blamagen Geschichte sind. DFB-Präsident Bernd Neuendorf machte zum Auftakt des Trainingslagers im Weimarer Land folgende Ansage: „Wir wollen wie jede Mannschaft das Maximale erreichen und glauben, dass es möglich ist.“ Der Nationaltrainer setzte kurze Zeit später noch einen drauf und sprach Tacheles: „Wir wollen das Ding gewinnen!“

Dafür ist ein Auftaktsieg gegen die leidenschaftlichen Schotten unabdingbar. Dem sind sich das deutsche Trainerteam und ihre Nationalkicker freilich bewusst. „Ein Sieg ist wichtig, um gut zu starten und gleich in einen Flow zu kommen. Das hilft uns dann bei den nächsten Gruppenspielen. Wir müssen uns gut vorbereiten. Jeder träumt vom Titel, aber wir müssen uns von Spiel zu Spiel ins Turnier kämpfen. Dann könnte es weit gehen für uns“, gibt Ausnahmedribbler Jamal Musiala die Marschrichtung für das erste Spiel vor.

Radler Nagelsmann weiß: Wenn seine Kicker einmal in Fahrt kommen, sind sie nur schwer zu bremsen.
M. BONKE, P. KESSLER

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