EM-TAGEBUCH

Sitzwahlwerkzeug: Wie im Warteraum bei Taylor Swift

von Redaktion

FIFA oder UEFA . der Fußballnormalkonsument dreht die Hand nicht um zwischen dem Welt- und dem Europaverband. Für Menschen, die rund um den Fußball arbeiten, ist es aber sehr wohl ein Unterschied, mit wem man es zu tun bekommt. Und sagen wir es so: Die FIFA ist in ihrer Verwaltung gut aufgestellt und kundenfreundlich, die UEFA ist vor allem kreativ im Erschaffen bürokratischer Prozesse.

Als Journalist bei FIFA-Weltmeisterschaften gibt man an, welche Spiele man zu besuchen gedenkt, bekommt beizeiten eine Zusage und kann sich seine Platzkarte ausdrucken. Bei UEFA-Europameisterschaften verläuft es bis zur Bestätigung, dass man dabei sein darf, genauso – doch dann kommt die Neuerung: ein „Seat Selection Tool“, ein Sitzwahlwerkzeug. Zwei Tage vor dem entsprechenden Spiel wird es freigeschaltet – zu welcher Uhrzeit, das richtet sich nach der „Priority Group“, in die man eingeteilt wurde. Wichtig: Übers Handy funktoniert das alles nicht, man muss an einem Laptop sitzen.

Wir sind Gruppe A. Es fühlt sich an, als würde man ins Flugzeug als Erster einsteigen dürfen, „wir beginnen mit dem Boarding für Kunden mit Senatoren-Karte“. Wir klicken den vorgegebenen Knopf an – und in der folgenden Viertelstunde schauen wir einem „Loading“-Kreis zu. Jetzt ist es so wie im virtuellen Warteraum beim Vorverkauf für die Taylor-Swift-Tournee. Schließlich erscheint ein Pressetribünen-Sitzplan der Allianz Arena, man kann weiße Plätze anklicken, das sollen die freien sein. Sicher 15 Klicks – und stets die Anzeige „Es ist ein Fehler aufgetreten“. Ich gehe strategisch vor, steuere die unpopulären Presseplätze an, die an der Seite, die weit oben, die an den Zuschauerraum angrenzenden, auf denen man Gefahr läuft, beschimpft zu werden.

Ich steigere mich in einen Buchungsrausch. Auf einmal nimmt das „Seat Selection Tool“ keine Klicks mehr an. Ein grüner „Confirmed“-Haken erscheint: Ich habe einen Platz. 176 A. Kann mich nicht erinnern, ihn auf dem Plan gesehen zu haben. Keine Ahnung, von wo aus ich über Deutschland – Schottland schreiben werde.

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