Traum statt Trauma

von Redaktion

Wie das DFB-Team nach drei Pannen mal wieder gut ins Turnier kommen will

Erfolgsteam? So viele Titel haben die deutschen EM-Spieler gewonnen.

Einmal lächeln bitte: das offizielle Teamfoto der deutschen Nationalmannschaft vor der EM. © DPA

München – 2018, Moskau: Amüsiert hatte die deutsche Nationalmannschaft Berichte von mexikanischen Pool-Partys mit Prostituierten in der WM-Vorbereitung in Dänemark zur Kenntnis genommen. Doch im Luschniki-Stadion wurde sie von Mexiko überrannt. 0:1. Und auf einmal hatte der DFB wieder seinen eigenen Kosmos an Problemen: Özil, Gündogan, Erdogan.

2021, München: Die pankontinentale EM bescherte Deutschland drei Vorrunden-Heimspiele in München. Das erste gegen Frankreich – mit Künstlerpech: Der ins Nationalteam zurückgeholte Mats Hummels überwindet Manuel Neuer per Eigentor zum 0:1. Das ist auch der Endstand.

2022, Doha: Die Spieler sind mehr mit den Umständen als dem ersten Gegner befasst. Darf die One-Love-Binde getragen werden, was wäre ein Zeichen, wenn sie verboten würde? Elf Deutsche stellen sich kurz vor Anpfiff ihres ersten WM-Spiels zum Gruppenfoto auf, alle halten sich die Hand vor den Mund. Im Anschluss unterliegen sie Japan 1:2. Und wie viereinhalb Jahre zuvor in Russland spüren sie: Das Turnier wird kaum noch zu retten sein.

Es ist die Geschichte, die Erfahrung, die einige Akteure, die immer noch dabei sind wie Manuel Neuer, Thomas Müller, Ilkay Gündogan, Antonio Rüdiger und Joshua Kimmich oder wieder wie Toni Kroos, hat vorsichtig werden lassen. „Wir sind hier bei der EM nicht, um nur Hallo zu sagen“, erklärt Rüdiger, „aber wir müssen demütig sein.“ Wer bei den vergangenen drei großen Turnieren (zwei WMs, eine EM) zweimal nach der Vorrunde heimgefahren ist oder im Achtelfinale abprallte, sollte sich selbst nicht zum Favoriten ausrufen.

Der DFB hat versucht, aus 2018 bis 22 zu lernen und Störgeräusche gar nicht erst hörbar werden zu lassen, bevor es heute (21 Uhr) in München gegen Schottland losgeht. Die Säule, die Bundestrainer Julian Nagelsmanns Konzept tragen soll, ist die klare Rollenverteilung im Kader. Es ist klar, wer sicher spielt, wer über Einwechslungen seine Chance bekommt und wer sich darauf beschränken muss, ein guter Kamerad und kein Quertreiber zu sein.

Die Themen der Mannschaft sollen der Fußball und die Leistung sein. Politische Äußerungen wird man umschiffen, obwohl die Verbandsspitze mit Präsident Bernd Neuendorf und Geschäftsführer Andreas Rettig – beide sind Sozialdemokraten – durchaus weiß, dass Sport niemals unpolitisch sein kann. Zu Beginn des Aufenthalts in Herzogenaurach musste der DFB die WDR-Umfrage, wonach 21 Prozent sich mehr weiße Spieler in der Nationalmannschaft wünschen, über sich hinwegziehen lassen. Als Niclas Füllkrug um eine Kommentierung der Europa-Wahlergebnisse gebeten wurde, wich er in allgemeine Botschaften aus: „Wichtig ist, dass wir im Fußball vorleben, was wir vermitteln wollen.“

Fußball pur – das ist der Vorsatz für die EM. Dass mit einem guten Start und der zugehörigen Stimmung alles leichter fiele, ist klar. „Die Leute sind bereit, und wir müssen zusehen, dass wir gewinnen“, hofft Joshua Kimmich auf Interaktion mit den Fans. Er sieht die Chancen, die das erste Spiel bietet – aber auch das Risiko: „Wenn wir verlieren, ist die Erinnerung wieder da.“ Niclas Füllkrug indes gibt sich von der Historie unbelastet: „Vergleiche sind was für Medien. Wir haben einen anderen Kern, einen anderen Trainer.“ Nagelsmann sagt vor seinem ersten Turnier: „In den Augen der Spieler sehe ich Glauben und Zuversicht.“ Doch er hat noch eine Bitte, wenn man zuhause antritt: „Ich möchte, dass es im Stadion laut wird, auch wenn die Spieler mich nicht verstehen. Ich würde ein Auge zudrücken.“

GÜNTER KLEIN

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