Wir hatten lange keinen richtigen Fußball-Sommer mehr. Katar schrieb mit November/Dezember den Kalender komplett um, 2021 schränkte Corona uns ein, 2018 gehörte die WM anderen Ländern. Sicher, es gab 2022 auch eine glückende EM der Frauen mit prächtigen Einschaltquoten und einer Katapultwirkung für die ganze Szene – doch getaktet wird das öffentliche Leben halt von den großen Turnieren der Männer. WM, EM – man freut sich Monate im Voraus auf diesen Ausnahmezustand, aufs demonstrative Urlaubnehmen, aufs gemeinschaftliche Schauen der Spiele, auf Fanrituale, auf legitimierte Unvernunft. Bei den meisten Menschen hierzulande dürfte sich vor allem aus den Jahren 2006 bis 16 einiges angesammelt haben an Erinnerungen: Deutschland-Fähnchen am Auto (2006), Vuvuzela (2010), Caipirinha (2014). Und man hat Bilder aus den Stadien vor Augen: Wie nach Siegen deutsche Spieler ihre Familien in den Arm nahmen, vor der Fankurve tanzten (in Basel, in Lwiw, in Lille), wie Götze ihn macht und in der Schlusseinstellung der Cristo Redentor aufs Maracana von Rio hinabblickt.
Der deutsche Fußball hat uns starke Lebensgefühle gegeben in seiner guten Zeit. Dass er sich seiner gesellschaftlichen Kraft bewusst geworden ist, hat ihn leider auch arrogant werden lassen. Doch man bemerkt jetzt zum Start der Heim-Europameisterschaft 2024, dass die Menschen mehrheitlich bereit sind, über die Verletzungen der vergangenen paar Jahre hinwegzusehen. Mit ein paar guten Resultaten und sympathisch anmutenden Personalien hat die Nationalmannschaft die sie umflorende Tristesse verscheucht. Im Sport sind Umschwünge eben leichter hinzubekommen als im realen Leben.
Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer, ein Sommer, wie er früher einmal war…? Nicht mit meteorologischem, aber sportlichem Bezug darf man seinen Rudi Carrell selig im Ohr haben. Der DFB hat Gegner zugelost bekommen, die ihm die Chance bieten, einen Lauf aufzubauen. Und das Überteam gibt es nicht.
Geringer halten sollte man die Erwartungen an einen segensreichen gesellschaftlichen Effekt der EM. Will man sich freuen mit Leuten, deren Weltanschauung eine konträre ist? Die Spaltung einer Nation rückgängig zu machen, das kann wohl auch ein Fußball-Sommertraum nicht hinbekommen. So realistisch müssen wir sein: 2006 und sein Sommer sind Geschichte.
Guenter.Klein@ovb.net