Antreiber mit Herzschrittmacher: Dänen-Star Christian Eriksen (32) gibt weiterhin das Tempo vor im dänischen Team. © AFP
Stuttgart – Pünktlich zum EM-Start gibt es Christian Eriksen im Doppelpack. Der Star der Dänen hat in der Heimat ein tierisches Pendant bekommen, die Kopenhagener Polizei benannte ein Dienstpferd nach dem 32-Jährigen. Für seine Mission in Deutschland soll der symbolische Akt Eriksen zusätzlich beflügeln, denn der Mittelfeldregisseur spielt in den Träumen der Dänen längst wieder die Hauptrolle.
Was vor drei Jahren schier unvorstellbar schien, wird nun Realität: Eriksen führt sein Team erneut in ein EM-Auftaktspiel. Beim letzten Mal, an jenem tragischen 12. Juni 2021 gegen Finnland, war sein Herz stehengeblieben – und damit ein Stück weit das einer ganzen Nation. Der Hoffnungsträger rang mit dem Tod, ganz Fußball-Europa bangte. Letztlich gewann er seinen Kampf.
Als Kasper Hjulmand dieser Tage erklären wollte, warum Eriksen weiterhin „das Herz“ seines Teams sei, holte der Nationaltrainer tief Luft. Erst rückblickend wird klar, welch mentale Kraft alle Protagonisten aufbrachten, als der Europameister von 1992 sich trotz des Herz-Dramas noch bis ins Halbfinale kämpfte. Erst in der Verlängerung gegen England in Wembley zündete Danish Dynamite nicht mehr.
Der Ex-Mainzer Hjulmand hatte damals die ganze Causa moderiert – und später auch das Comeback seines besten Technikers einfühlsam orchestriert. Bis heute stellt sich der Coach schützend vor seinen Regisseur, dessen Spielintelligenz er nicht missen möchte: „Er ist unser Rhythmus, er ist unser Mann auf dem Feld, der das Spiel diktieren kann. Wenn er gut spielt, dann spielen wir auch gut.“ Auch als Mensch sei er „positiv und offen“.
Eriksen spielt inzwischen mit einem Herzschrittmacher. Nach seinem Comeback beim FC Brentford trumpfte er gleich so stark auf, dass ihn Manchester United unter Vertrag nahm. Zuletzt saß er dort allerdings meistens auf der Bank. Irgendwie hat der Mann mit der Fast-Glatze das Gefühl, dass speziell er, der fast noch als Teenager bereits die WM 2010 in Südafrika bestritt, für seine Nationalmannschaft in der Bringschuld steht. „Ich denke ständig, dass da noch etwas fehlt: dem Team bei einem Turnier meinem Stempel aufzudrücken. Ich habe das Gefühl, dass das der einzige Traum ist, der noch nicht verwirklicht ist“, sagte der 130-fache Nationalspieler.
Auf seine Wiedereingliederung beim Nationalteam im März 2022 folgte eine sportliche Achterbahnfahrt. Bei der WM 2022 in Katar standen das Team und der Stratege neben sich und verabschiedeten sich ähnlich emotionslos wie Deutschland aus der Wüste. Vor einigen Monaten übte der ehemalige Bundesligaspieler Thomas Gravesen heftige Kritik an der Nummer zehn. „Den Christian Eriksen, den wir alle kennen, den gibt es nicht mehr. Eriksen spielt nicht mehr Fußball.“ Derselbe Spieler hat allerdings bei der EM-Generalprobe gegen Schweden (2:1) mit einem Treffer und einem Assist brilliert. Danach erklärte Eriksen: „Ich habe fast darüber nachgedacht, eine Gravesen-Jubelszene zu machen. Nur um ihm zu sagen, dass er nicht mehr so viel sagen soll.“ Der eher zurückhaltende Leader hat sich die Belehrung dann doch erspart. Taten statt Worte sind die bessere Antwort. Auch zum emotionalen EM-Start im Schwabenland gegen den Außenseiter Slowenien. FRANK HELLMANN (MIT SID)