Der Anti-Angsthase

von Redaktion

Julian Nagelsmann geht in sein erstes großes Turnier als Bundestrainer

Nagelsmann (2.v.l.) und sein Trainerteam: Co-Trainer Mats Butgereit (l-r), Co-Trainer Benjamin Glück und Co-Trainer Sandro Wagner. © Gambarini/dpa

Väterlicher Freund und Ratgeber: Nagelsmann und DFB-Sportdirektor Rudi Völler. © Charisius/dpa

Strebt bei der EM nach dem Maximum: Bundestrainer Julian Nagelsmann (li.), hier mit Co-Trainer Benjamin Glück. © Löb/dpa

München – Wenn Julian Nagelsmann darüber nachdenkt, welch große Last auf seinen Schultern liegen könnte im Angesicht der Heim-Europameisterschaft, dann führt er sich lieber vor Augen, wie schön seine Aufgabe sich anfühlt: „Es geht nicht um Leben und Tod. Es ist nur Fußball, es soll uns Spaß machen. Wenn wir uns selbst begeistern, werden wir auch die Fans begeistern.“

Nagelsmann, noch immer erst 36 Jahre alt, er läuft breitbeinig durch die Coachingzone wie ein Cowboy: der Ausbund eines Alphatiers. Er kann ruppig sein, er hat sich schon peinlichst danebenbenommen, wenn er sich über Schiedsrichter geärgert hat. Er weiß, dass sich das niemals wiederholen darf. Nicht in dieser Position, unterwegs im Dienste des Landes.

Vor dem EM-Eröffnungsspiel gegen Schottland am Freitagabend (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) rückt der stattliche 1,91-Meter-Mann die Brust noch ein bisschen weiter raus und traut sich was: „Die ganze Welt schaut auf uns, nicht nur Europa.“ Nagelsmann, der Anti-Angsthase, erwartet von sich selbst nicht weniger, als Deutschland zum Titel zu coachen. Aber es ist nicht so, dass er deshalb nicht nach links oder rechts schauen würde. Er hat sich Rat bei seinen Vorgängern geholt, mit Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und Hansi Flick gesprochen und mit Nationaltrainern anderer Sportarten. Es gibt eine Quintessenz aus all diesen Gesprächen, mit der er sich bestens anfreunden kann: „Man sollte seinen eigenen Weg gehen und auf seinen Bauch hören.“

Nagelsmann hat es sich angewöhnt, besonders Rudi Völlers onkelhaften Rat und dessen in ihrer klugen Schlichtheit beeindruckenden Wahrheiten anzunehmen. Völler ist jetzt Sportdirektor, war selber schon eine Art Bundestrainer, wenn auch einer ohne Lizenz und hieß deshalb Teamchef. Völler, 64, weiß sehr genau, wie schwer der Rucksack werden kann. Denn: „Bundestrainer ist der wichtigste Trainerjob in Deutschland.“ Nagelsmann wisse das zu schätzen.

Das war nicht immer so. Nach den ersten Rückschlägen als Zuständiger für die Nationalmannschaft wirkte Nagelsmann genervt und überfordert. Da suchte einer nach seiner Linie. Er hat Zeit benötigt, sich damit zu begnügen, dass er nicht annähernd so viel Zugriff auf seine Nationalspieler wie ein Klubtrainer hat. Seine Spieler „im Training besser zu machen“, das war das, was er „mein Steckenpferd“ nannte, was er super hingekriegt hat als jüngster Trainer der Bundesliga; mit 28 Jahren als Gesellenstück in Hoffenheim, wo er eine verunsicherte Mannschaft aus dem tiefsten Keller in die Königsklasse führte; später in Leipzig, wo er das ständige Anrennen der RB-Schule mit komplexerer Spielkultur und Ballbesitz garnierte – und von RB-Chef Oliver Mintzlaff in höchsten Tönen gelobt wird: „Fantastischer Trainer!“

Ganz ähnlich äußert sich Alex Rosen, der 2016 in Hoffenheim den Mut hatte, Nagelsmann vom U19-Trainer zum Chefcoach zu befördern: „Julian ist ein Draufgänger im besten Sinne.“ Das sieht Nagelsmann ganz ähnlich: „Wenn man alle Entscheidungen nur aufgrund von Vernunfterwägungen trifft, macht man weniger Fehler, aber man läuft Gefahr, sich in Langeweile einzurichten. Meine Überzeugung ist: Die großen Dinge entstehen nur, wenn man bereit ist, ins Risiko zu gehen.“ Dass er in München trotz eines Fünfjahresvertrag und einer Rekordablöse frühzeitig gehen musste, wird längst als Scheitern des FC Bayern interpretiert, nicht als Scheitern des Bayern Nagelsmann.

Die schroffe Kündigung beim Branchenführer außer Dienst hat ihm dann die historische Chance eröffnet, Deutschland zur EM zu führen. Man könnte glatt glauben, da hätte einer immer nur die Sonnenseiten des Lebens kennengelernt. Aber das stimmt nicht. In einem bemerkenswerten Gespräch offenbarte Nagelsmann dem „Spiegel“, wie arg er unter dem Suizid seines Vaters gelitten habe, der als Agent für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet hatte und völlig unerwartet aus dem Leben schied. „Mein Papa hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen, es gab keine Erklärung“, sagt der Sohn. Sein Vater sei ein lustiger Typ gewesen, „der Witze gemacht und immer gelacht“ habe: „Das macht es für mich noch schwieriger, es wirklich zu verstehen.“ Man liest den Schmerz aus diesen Zeilen.

Nagelsmann junior war damals Anfang 20. Er musste plötzlich „schwerwiegende Entscheidungen treffen, auch um meine Mutter zu entlasten, die auf einmal in einem großen Haus ohne ihren Partner wohnte. Mit all ihren Erinnerungen.“ Er sei, sagt der Sohn, in dieser „krassen Lebensphase“ schneller erwachsen geworden. Das kommt ihm, so furchtbar der Anlass auch war, als immer noch sehr junger Trainer jetzt entgegen.

Seine Spieler sind beeindruckt von seiner Fachkompetenz und der klaren Kommunikation. Seine Vorgesetzten beim FC Bayern rümpften bisweilen ihre Nasen, wenn die bunten Klamotten des Trainers mehr Aufsehen erregten als die graumelierte Spielweise der Mannschaft. Dass Nagelsmann irgendwann die Beziehung zu einer „Bild“-Reporterin öffentlich machen musste, weil sich die Liaison nicht mehr verstecken ließ, dürfte der privaten Zukunft dienlicher gewesen sein als einer Perspektive als Autorität bei den Bayern.

Beim DFB ist die Zuneigung von Präsident Bernd Neuendorf, Sport-Geschäftsführer Andreas Rettig und Völler auch dann noch ungebrochen gewesen, als Nagelsmann das DFB-Team im vergangenen November mit seinen experimentellen Laborversuchen ins kollektive Chaos gecoacht hatte. Der Trainer hat das registriert, hat konsequent den Kurs gewechselt, ein neues Mosaik gebastelt und den Vertrag verlängert.

Der Pragmatismus in seiner Personalauswahl, den Nagelsmann seitdem verfolgt, hat in seiner Konsequenz überrascht. Er soll freilich keinesfalls in einem Fußball münden, der Kreativität vermissen lässt.

Der Bundestrainer fordert Phantasie, aber grundiert durch defensive Stabilität und Leidensfähigkeit. „Ich will eine Mannschaft sehen, die den Mut hat, Fehler zu machen. Eine Mannschaft, die eine Mentalität verkörpert, die typisch deutsch ist, die anpackt.“ Denn: „Ein Ticket für ein Fußballspiel“, proklamiert er, „ist teuer. Wir müssen dafür etwas zurückbezahlen.“ Ein EM-Titel wäre genau die Währung, die er am liebsten aus der dicken Hose ziehen würde.

JAN-CHRISTIAN MÜLLER

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