Italien hofft auf Leuchtturm Jorginho

von Redaktion

Doch der gebürtige Brasilianer hat nicht mehr die Form von 2021, als er in Europa alles gewann

Blaue Glückseligkeit: In London holten Jorginho und Kollegen verdient den Titel. © Imago

Dortmund – An die Zeiten, zu denen an der Westküste Fußballspiele im Fernsehen laufen, wird sich Giorgio Chiellini, „der Gorilla“, noch gewöhnen müssen. Eine EM zur Frühstückszeit ist nicht optimal, aber der bald 40-Jährige hat sich das so ausgesucht. Der italienische Ex-Kapitän lebt in Los Angeles Seine Laufbahn hat er beim örtlichen LAFC beendet.

Nun kommentiert er für einen US-Sender die EM-Spiele, vornehmlich die seiner Squadra Azzurra, die an diesem Samstag (21 Uhr) in Dortmund auf den krassen Außenseiter Albanien treffen und der er trotz aller internen Probleme – allem voran der Wett- und Rassismus-Skandall – einiges zutraut. Immerhin hat sich das Team von Luciano Spalletti, anders als für die vorherigen Weltmeisterschaften in Russland und Katar qualifiziert.

„Ich will sehen, dass sie alles geben und stolz darauf sind, Italiener zu sein“, sagte der frühere beinharte Verteidiger dieser Tage der „SZ“. Italien habe eine Reihe talentierter Spieler dabei, aber auch einige mit Erfahrung, und es habe „einen Leuchtturm“ in der Gruppe. Der alte Haudegen meint: Jorginho.

Jorge Luiz Frello Filho, ein gebürtiger Brasilianer, ist jetzt nicht mehr ganz in der Verfassung von 2021, beim Titelgewinn in London. Das ist auch schwer, es war das Jahr, in dem ihm einfach alles gelang: Champions-League-Sieger mit Chelsea, Europameister, Supercup-Gewinner, zusätzlich wurde er zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. Er hat das Spiel der Blauen geprägt, auf seine manchmal unscheinbare Art, ein Schleicher, dessen Wirken man erst dann erkennt, wenn er fehlt.

„Der Architekt des Minimalismus“ hat man ihn einmal umschrieben. Aber Jorginho, inzwischen 32 und seit 2012 mit einem italienischen Pass ausgestattet, ist immer noch unverzichtbar, neben Nicola Barella, Lorenzo Pellegrini oder Bryan Cristante treibt er das italienische Team an, er balanciert es aus, gibt den Takt vor. Und führt. Gerade jetzt, da die italienische Auswahl nicht über die Qualität von vor drei Jahren verfügt, als eine homogene, bestens austarierte Elf unter Roberto Mancini hochverdient den Pokal gewonnen hatte. Er sei, sagt Altmeister Chiellini über Jorginho, „der Papa“ der Mannschaft, einer, der sich kümmert, auf dem Platz und daneben. Er redet viel, er spricht vier Sprachen, und manchmal ermahnt er junge Spieler, ihr Geld nicht gleich für Luxusautos und teure Uhren auszugeben.

36 Pflichtspiele hat er für den FC Arsenal in dieser Saison absolviert, vor einem Jahr ist er mit Tamtam von Chelsea gewechselt, zuvor hatte er vier Jahren beim SSC Neapel Regie geführt, unter seinem Trainer-Mentor Maurizio Sarri, der ihn auch 2018 mit nach England genommen hat.

Ein Torjäger ist der Mann aus Imbituba in Südbrasilien nicht, es sei denn, es geht ins Elfmeterschießen. Darin ist Jorginho, der den Strafstoß erst nach einem kleinen Hüpfer am Ende des Anlaufs tritt, ein ziemlicher Meister. Mit einer bedeutenden Ausnahme. Im EM-Finale vor drei Jahren in London vergab er im Shootout gegen England,. Immerhin: Torwart Donnarumma parierte den nachfolgenden Schuss von Bukayo Sako, und Italien war Europameister.

Es war ein langer Weg von Imbituba bis nach Wembley, aber wenn einer ihn vorausgeahnt hatte, dann Jorginhos Mutter Maria Teresa Freitas. Sie hat ihren Filho nach Kräften gepusht: Nach der Arbeit als Putzfrau, der Vater hatte die Familie früh verlassen, ging seine Mutter mit ihm zum Kicken an den Strand. Maria Teresa war eine passable Amateurkickerin, und im tiefen Sand wurde an der Technik gefeilt.

Mit 15 ging Jorginho, dessen Großvater Giacomo Frello aus dem italienischen Lusiana stammte, nach Verona, zu Hellas. Er lebte in einem Kloster, musste mit 50 Euro in der Woche auskommen, und ihm wurde, selbst beim seinerzeitigen Serie-C-Club keine Zukunft prophezeit. Er sei zu dünn und zu schmächtig, hieß es. Dazu kam arges Heimweh. Doch die Mutter drohte dem Sohnemann: „Wehe, du kommst nach Hause.“

Jorginho hielt durch, er wurde kräftiger, besser und wechselte 2014 zum SSC Neapel, unter die Fittiche von Sarri, der ihn zu dem Defensivspezialisten formte, der er jetzt ist. THOMAS KILCHENSTEIN

Artikel 1 von 11