Mini-Messi mit Zahnspange

von Redaktion

Auf den Schultern von Wunderkind Lamine Yamal (16) lasten Spaniens EM-Hoffnungen

Der Ball ist sein Freund: Spaniens Fußball-Durchstarter Lamine Yamal (16). © AFP / Luis Gene

Berlin – Woher genau der spanische Schwarzwald-Fetisch kommt, ist nicht ganz klar. Jedenfalls gilt es von Madrid bis Barcelona seit Jahrzehnten als Tradition, die Tourismusdestination Deutschland als gleichbedeutend mit „la selva negra“ zu verstehen. Der prozentuale Anteil spanischer Besucher im Südwesten der Bundesrepublik ist unüblich hoch, und so kann kaum verwundern, dass auch die Nationalmannschaft ihr EM-Lager dort aufgeschlagen hat. In Donaueschingen bezog sie ein wahres „Protz-Ressort“ („Bild“) mit Luxus-Spa und drei Golfplätzen.

Das Dasein auf der Anlage bezeichnet Flügelstürmer Lamine Yamal soweit als „mehr oder weniger wie in der Masia“. Im Vereinsinternat des FC Barcelona wohnt er normalerweise. Yamal bezog sich bei seinem Vergleich allerdings kaum auf Fünfsternestandard, sondern auf die Disziplinregeln eines Fußballcampus. Auch in der Masia kann er schließlich nicht machen, was er will: Yamal ist erst 16 Jahre alt.

Wenn die Spanier heute in Berlin an einem anderen populären Reiseziel ihrer Landesleute gegen Kroatien in die EM starten, wird der Zehntklässler mit Zahnspange ein Stück Geschichte schreiben – und zum jüngsten Fußballer jemals bei einem internationalen A-Turnier avancieren. Yamal ist für Nationaltrainer Luis de la Fuente auf Rechtsaußen so fest gesetzt wie auf Linksaußen der 21-jährige Nico Williams von Athletic Bilbao. „Wir haben hervorragende Flügel“, freut sich de la Fuente, der väterlich hinzufügt: „Man muss ihnen Zeit geben und darf sie nicht so sehr unter Druck setzen.“

Zeit? Besonders mit Yamal verbindet sich in der Heimat nicht nur die Hoffnung, einem zukünftigen Star beizuwohnen, den manchen wegen seiner Fantasie und Dribbelkünste sogar mit dem jungen Lionel Messi vergleichen. Der Youngster soll idealerweise sofort liefern. Denn der Angriff ist Spaniens chronisches Problem. Seit ihrem historischen Triple mit zwei EM-Titeln und einer WM zwischen 2008 und 2012 wartet die „Roja“ auf ähnliche Triumphe. Zuletzt scheiterte sie bei drei Turnieren in Folge daran, optische Überlegenheit in Chancen umzumünzen bzw. diese effizient zu verwerten. In WM-Achtelfinale 2018 gegen Russland (1:1), EM-Halbfinale 2020/21 gegen Italien (1:1) und WM-Achtelfinale 2022 gegen Marokko (0:0) wurde nach Elfmeterschießen verloren.

Umso passender kam da der Gewinn der Nations League 2023 in derselben Disziplin gegen den heutigen Gegner Kroatien (nach erneutem 0:0). Spanien scheint den Neuaufbau eines hoffnungsvollen Teams erfolgreich in die Wege geleitet zu haben. Wo das Mittelfeld mit Stratege Rodri (Manchester City) und Ideengeber Pedri (Barcelona) wie immer bei Spanien das geringste Problem sein sollte, sorgt man sich um die Innenverteidigung. De la Fuente wollte dort an seinem etablierten Abwehrchef festhalten und nominierte Aymeric Laporte trotz Wechsels nach Saudi-Arabien und fehlender Spielpraxis. Barcelonas Saisonaufsteiger Pau Cubarsí bootete er dagegen überraschend aus. Nun ist Laporte überdies angeschlagen – Real Madrids Allzweckwaffe Nacho soll es wohl richten.

Die Gegner beeindruckt de la Fuente bisher so wenig, dass Josko Gvardiol, Kroatiens Starverteidiger, auf Nachfrage bekennen musste, er könne mit dem Namen nichts anfangen. Seinen Gegenspieler lobte Gvardiol hingegen in höchsten Tönen als „unglaubliches Talent“. Auf seiner linken Abwehrseite wird er es heute mit Yamal zu tun bekommen. Spaniens gefährlichste Waffe ist ein 16-Jähriger. FLORIAN HAUPT

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