„Nicht gegen Ismaik, sondern für 1860!“

von Redaktion

Die Verwaltungsräte Sascha Königsberg, Sebastian Seeböck und Nicolai Walch im Interview

Ein IT-Experte an der Spitze des Verwaltungsrats: Sascha Königsberg (37) aus Pfaffenhofen an der Ilm. © Fotos (3): Markus Götzfried

Als Jurist in Beirat und Verwaltungsrat gefragt: Nicolai Walch (41) im Gespräch mit Sportredakteur Uli Kellner.

Über alles bei 1860 informiert: Sebastian Seeböck ist Mitglied des Aufsichtsrats (KGaA) und Vizechef des Verwaltungsrats (e.V.).

München – Sie gehören dem Gremium an, das Hasan Ismaik ein Dorn im Auge ist: Sascha Königsberg, Sebastian Seeböck und Nicolai Walch, alle drei seit 2017 im Verwaltungsrat des TSV 1860 e.V. Vor der Richtungswahl am Sonntag im Zenith trafen wir das Trio zum Interview.

Seit Ende Mai tourt Hasan Ismaik durch die Welt der Löwen, trifft Unterstützer, Kritiker, Fans und Medien. Wie oft hatten Sie in dieser Zeit Kontakt zu ihm?

Walch: Kein einziges Mal.

Das überrascht. Was ist aus der E-Mail geworden, die Sie zusammen mit Aufsichtsrats-Chef Saki Stimoniaris schreiben wollten, um Ismaik einzuladen?

Walch: Ich hatte Saki einen Entwurf geschickt. Er teilte mit, er habe mit Ismaik gesprochen, der vorschlug, so ein Gespräch öffentlich zu führen – vor und mit Fans. Kürzlich wurde die Mail doch noch abgeschickt. Folgender Text (sucht und findet ihn in seinem Handy): „Sehr geehrter Herr Ismaik, lieber Hasan, wir laden dich hiermit zu einer Sitzung des Beirats und gerne auch zu einem anschließenden gemeinsamen Essen ein. Über eine Zusage würden wir uns sehr freuen. Gerne kannst du uns deine zeitlichen Verfügbarkeiten mitteilen und wir würden mit den Kollegen einen Termin abstimmen. Viele Grüße und noch einen schönen Tag! Saki, Nicolai.“

Und?

Walch: Antwort kam keine. Ich las nur irgendwo, dass Ismaik sich beschwerte, ich hätte ihn als „Geldkoffer aus Abu Dhabi“ bezeichnet. Erstens ist das aber nachweislich unzutreffend. Zweitens: Um ein persönliches Treffen zwischen ihm und mir ging es nie. Es ging darum, dass er sich endlich einmal in den relevanten Gremien zeigt.

Was hätten Sie dort von ihm wissen wollen?

Walch: Ich hätte gerne mal seine Meinung zu allem gehört, in Erfahrung gebracht, wie seine wirkliche Einstellung zu den ganzen Themen bei Sechzig ist, wie er sich fühlt damit.

Damit nicht immer über Ecken kommuniziert wird?

Walch: Ganz genau.

Wurden, seit Ismaik in München ist, weitere Vorstöße unternommen, ihn zu treffen?

Seeböck: Natürlich, ganz konkrete. So wie wir das die letzten Jahre immer gehandhabt haben.

Woher rührt eigentlich diese ablehnende, Ismaik-kritische Haltung, die allen Verwaltungsräten unterstellt wird?

Seeböck: In der Vereinsführung, die seit 2017 im Amt ist, arbeitet keiner gegen Herrn Ismaik.

Königsberg: Es wird immer gesagt, wir wären Hardliner und würden einen Anti-Ismaik-Kurs fahren. Das stimmt aber gar nicht. Es geht nicht gegen Hasan Ismaik, es geht für Sechzig München. Alle im Verwaltungsrat haben vorrangig im Blick, was das Beste für Sechzig München ist. Das deckt sich vielleicht nicht immer mit dem, was das Beste für Hasan Ismaik oder die HAM ist.

Seeböck: Zwischendurch hatten wir sogar eine Ebene hinbekommen mit den Vertretern von HAM, Vertrauen aufgebaut. Das Ganze lief über eine Kommunikation mit Yahya Ismaik (Ismaiks Bruder/Red.). Es hat funktioniert. Wir waren immer kompromissbereit.

Warum ist es wieder gekippt?

Seeböck: Was ich dazu sagen kann, ist, dass wir in den sieben Jahren immer wieder an ganz schwierige Punkte in der Zusammenarbeit gekommen sind – meistens dann, wenn bei HAM die moderaten Kräfte an Einfluss verloren haben.

Königsberg: Wir waren zweimal nah am Aufstieg dran. Ich glaube, die ruhige Arbeit hat dazu beigetragen. Im Winter 2022/23 – da ist es dann gekippt. Da ist plötzlich wieder viel in die Medien gelangt. Auf einmal war wieder Unruhe da. Und seitdem funktioniert es auch sportlich nicht mehr.

Sprechen wir über das „Bündnis Zukunft 1860“. Ziel der neuen Opposition ist u.a. der Aufstieg in die Bundesliga und die Lösung der Stadionfrage. Eigentlich konsensfähige Ziele, oder nicht?

Königsberg: Auch da möchte ich mit einem Mythos aufräumen. Es wird ja verbreitet, es gebe Kräfte im e.V., die lieber in einer unteren Liga spielen, Hauptsache im 60er-Stadion. Von den gewählten e.V.-Vertretern habe ich nie sowas gehört, nicht im Entferntesten. Alle wollen den sportlichen Erfolg.

Ismaik wirft den „amtierenden Funktionären“ vor, den Verein in eine Giesinger Sackgasse geführt zu haben. Hat er da nicht auch ein bisschen Recht?

Seeböck: Ich glaube, dass Lösungen mit Sicherheit einfacher zu finden sind, wenn eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe stattfindet. Das ist auch das, was wir seit Jahren anbieten. Wir reichen den Vertretern von HAM und Herrn Ismaik regelmäßig die Hand. So eine Zusammenarbeit muss aber auch gewünscht werden.

Walch: Wir bekommen ja oft gesagt: Der Investor ist halt da – und man muss das als Realität akzeptieren. Was mir umgekehrt zu kurz kommt: Man muss auch die Realität akzeptieren, dass der e.V. Alleingesellschafter der TSV München von 1860 Geschäftsführungs-GmbH ist. Ich denke, das zu realisieren, ist der HAM-Seite immer sehr, sehr schwergefallen. Beziehungsweise: Sie haben es nie akzeptiert.

Königsberg: Wenn ich an die Winterpause denke: Wir waren zwei Punkte vom Abstiegsplatz entfernt. Die Mannschaft war aus meiner Sicht mausetot. Ohne das entschlossene Handeln von Präsidium und Verwaltungsrat gegen den Willen der HAM würden wir jetzt nicht mehr von Profifußball sprechen – dann wären wir abgestiegen. Die Arbeit der neuen Geschäftsführer hat sofort etwas bewirkt, auch mit Blick auf die neue Saison. Die Finanzierung des Kaders ist komplett abgesichert, ohne dass man groß auf Drittmittel angewiesen wäre oder auf die Zustimmung des Mitgesellschafters.

Ismaik beklagt, die amtierenden Funktionäre hätten keinen Plan. Das Bündnis dagegen hat einen, sie nennen ihn Matchplan.

Walch: Ich habe mich eingehend mit den veröffentlichten Unterlagen beschäftigt und bin zu dem Schluss gekommen: Dieser sogenannte Matchplan ist das Papier nicht wert, auf dem er steht.

Königsberg: Niemand von uns – auch von den anderen Kandidaten – ist ein Profifußball-Experte. Deswegen wäre es fatal, wenn jemand von uns meinen würde: Dies und das brauchen wir, um den Aufstieg zu realisieren. Nein, dafür haben wir Profis geholt, auch wenn Christian Werner und Oliver Mueller zunächst nicht die ganz große Bekanntheit hatten.

Seeböck: Ein Kernpunkt im Matchplan von „Bündnis Zukunft 1860“ ist das Thema Kapitalbeschaffung. Da ist die Rede von 15 Millionen, zehn Millionen für den Aufstieg, fünf für den Erhalt der 2. Liga. In den Bündnis-Talks wurde betont, dass man sich da über Monate Gedanken darüber gemacht habe. In diesem Zusammenhang ist es doch sehr erstaunlich, dass die wesentlichen Ausführungen zur Kapitalbeschaffung eins zu eins aus internen Arbeitsgruppen stammen, die der e.V. zusammen mit Vertretern der Bayerischen vor vielen Jahren gegründet und vorangetrieben hatte.

Also alter Wein in neuen Schläuchen?

Königsberg: Sie tun sogar so, als hätten sie den schönen Wein erfunden.

Walch: Ich persönlich sehe Darlehen gegen Ausgabe von Genussrechten übrigens sehr kritisch, wenn sie nicht zwingend zum Überleben notwendig sind. Es sind und bleiben Verbindlichkeiten, wenn auch nicht im bilanzrechtlichen Sinne. Es ist sozusagen ein Kaufen von ungewissem Erfolg auf Pump. Denn sobald die Gesellschaft Gewinn macht, können die Genussrechte fällig gestellt werden – und das schafft Erpressungspotenzial. Im Endeffekt ist es dann so: Wenn man tatsächlich einmal hinreichenden Erfolg hat, ist man wieder komplett ausgeliefert.

Und was ist von den 200 Millionen Euro zu halten, die Ismaik für Aufstieg und Stadionbau in Aussicht stellt? Luftschlösser im Wahlkampf?

Walch: Man weiß es nicht, man kann nicht in ihn hineinschauen. Aber die Vergangenheit lehrt einen, dass solche Versprechungen, gelinde gesagt, mit Vorsicht zu genießen sind.

Was die Versammlung am Sonntag angeht: Wie sehr sind Sie besorgt ob der aufgeheizten Stimmung?

Königsberg: Von einem Wahlkampf im USA-Stil, organisiert von möglicherweise bis zu drei Medienagenturen, hat keiner etwas. Für Sonntag kann ich daher nur an alle appellieren, sachlich zu bleiben, nicht unter die Gürtellinie zu gehen. Beleidigungen und Bedrohungen sind fehl am Platz. Niemandem nutzt das – und es schadet vor allem dem Verein.

Was bedeutet das angekündigte Erscheinen Ismaiks für den Ablauf und die Sicherheit der Veranstaltung?

Walch: Um die Sicherheit mache ich mir überhaupt gar keine Sorgen. Die Mitglieder des TSV 1860 München e.V. sind anständige Leute, die werden sich dort benehmen. Es wird mit Sicherheit emotional werden. Aber irgendwelche Sorgen um Sicherheit entbehren jeder Grundlage.

Halten Sie es für möglich, dass Präsident Robert Reisinger, Ismaik und der bestehende Verwaltungsrat doch noch an einem Strang ziehen werden?

Königsberg: Der e.V. steht für solche Gespräche jederzeit zur Verfügung. Wir laden Hasan Ismaik dazu ein, und das gilt auch am Sonntagabend noch.

Walch: Es ist unsere Verpflichtung als Vereinsvertreter und Gremienmitglieder, dass wir zum Wohle des e.V. und der KGaA den Dialog suchen.

Seeböck: Für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

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