Am Tag vor dem Eröffnungsspiel der Europameisterschaft zwischen Deutschland und Schottland kündigte Bundestrainer Julian Nagelsmann an, „seine Jungs von der Leine zu lassen“. Diese Metapher beschrieb den Gemütszustand der Nationalmannschaft mehr als treffend. Spätestens nach den Treffern der Zauberer Florian Wirtz und Jamal Musiala beim Auftaktsieg gegen die Schotten spürte jeder: Das war die sehnsüchtig erwartete EM-Explosion! Kein Wunder: Die DFB-Kicker fieberten dem Turnierstart im eigenen Land bereits unmittelbar nach dem Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft in Katar entgegen. Zwischen dem Gruppen-K.o. in der Wüste und dem EM-Startschuss gegen die Schotten wurde der Verband mal eben auf links gedreht.
Erst musste der langjährige Direktor Oliver Bierhoff den Hut nehmen und wurde durch Sportdirektor Rudi Völler und Andreas Rettig als Geschäftsführer ersetzt. Nachdem Bundestrainer Hansi Flick mit seinem Team einen Grusel-Auftritt nach dem nächsten hingelegt hatte, sahen die Verantwortlichen das sportliche Abschneiden bei der EM massiv gefährdet und zogen die Notbremse. Nagelsmann übernahm – aber trotz der anfänglichen Euphorie schien Fußball-Deutschland nach den verpatzten Länderspielen gegen die Türkei und Österreich am Boden. Mal wieder. Der 36-Jährige zog Konsequenzen, überzeugte Toni Kroos vom Comeback und strich vermeintlich bessere Fußballer wie Leon Goretzka oder Mats Hummels aus dem Team. Dafür waren plötzlich Kämpfer wie Robert Andrich gesetzt.
Doch all das zählte nicht mehr, als Clement Turpin die Partie anpfiff und Nagelsmann die älteste Turnier-Startelf seit dem Jahr 2000 von der Leine ließ. Der gebürtige Landsberger sagte vor Anpfiff, für ihn sei es ein „Privileg“, beim Eröffnungsspiel am Spielfeldrand stehen zu dürfen. Diese Einstellung übertrug sich auf die Spieler. Es war in jeder Phase zu spüren, dass die „Nagelsmänner“ stolz sind, den Adler auf der Brust zu tragen – und das Sommermärchen 2.0 zu starten. redaktion@ovb.net