Die wundersame Geschichte des Emre Can

von Redaktion

Es könnte wieder einen Europameister in Badeschlappen geben – Mental erholt

Die Kommunikation in Gang gebracht: Emre Can und Trainer Julian Nagelsmann. © dpa/Christian Charisius

Herzogenaurach – Emre Can wurde 1994 geboren. Zwei Jahre zuvor hatte sich Fußballhistorisches zugetragen: Kurz vor Beginn der EM in Schweden wurde das zwar qualifizierte, aber real nicht mehr existierende Jugoslawien ausgeschlossen und durch Dänemark ersetzt. Die Dänen kamen direkt aus dem bereits angetretenen Urlaub – und gewannen das Turnier. Sie waren die Europameister in Badeschlappen. Can kennt die Geschichte nicht, er denkt nach: „So ähnlich ist die Story bei mir auch.“ Gut, Europameister müsste er erst noch werden, aber es ist nun möglich. Wie vor 32 Jahren die Dänen ist er zur EM gekommen.

Am Mittwoch hatte ihn Bundestrainer Julian Nagelsmann kontaktiert. Verpasster Anruf, SMS mit Bitte um Rückruf, fehlgeschlagener Rückruf, schließlich erfolgreicher Rückrückruf – „und Julian“, so Can, „fragte, ob ich Bock auf die EM habe“. Aleksandar Pavlovic musste wegen seiner Mandelentzündung aus dem 26er-Kader gestrichen werden, plötzlich war eine Stelle für einen Sechser frei. Der märchenhafte Fortgang: Emre Can reiste umgehend von Dortmund nach Herzogenaurach, zog in den „Homeground“ ein (und wusste am Sonntag noch nicht einmal, wer noch in seinem Viererblock wohnt), am Freitag wurde er eingewechselt und schoss das 5:1 gegen Schottland. Sein zweites Tor im 44. Länderspiel.

Mit alldem hatte Emre Can nicht rechnen können. Sein letzter Auftritt in der Nationalmannschaft war das Spiel gegen Frankreich im September 2023 gewesen, das 2:1 in Dortmund unter der Regie von Rudi Völler, drei Tage nach der Trennung des DFB von Hansi Flick. Neuer Bundestrainer wurde danach Julian Nagelsmann – und der meldete sich nicht beim Kapitän von Borussia Dortmund. Vor Bekanntgabe seiner EM-Nominierung informierte Nagelsmann die Spieler, „die mal bei mir dabei gewesen waren und die ich nicht zur EM mitnehme“. Das Kriterium traf auf Can gar nicht zu. Der beschwerte sich öffentlich, doch am Mittwoch überspielte Nagelsmann den Konflikt zwischen zwei Menschen, die noch nicht miteinander zu tun hatten. „Julian sagte, ist doch besser, wenn er mit einer Zu- als einer Absage anruft“, gibt Can den Gesprächstenor wieder.

Emre Can hat eine lange Geschichte mit dem DFB. „Seit 2008. Da war ich im Lehrgang der U14. Ab der U15 habe ich für jede Altersstufe mindestens ein Länderspiel gemacht.“ Als 17-Jährigen zeichnete ihn der DFB mit der Fritz-Walter-Medaille aus. Zum A-Team gehört Can seit 2015, „aber es ist eine On-off-Beziehung“, räumt er ein. Die Zeitspanne hätte für über 100 Länderspiele gereicht, es sind nun 44. „Wenn ich fit war, war ich immer dabei“, sagt er jedoch mit einigem Trotz, „ich weiß, wie es in der Außenwelt oft dargestellt wird: Dass ich es nicht verdient habe. Ich lese ja auch Instagram“. Er sei aber „ein Typ, der immer an sich glaubt“.

Normal wäre er jetzt auf Spanien, seine Frau hatte am Samstag Geburtstag, der Urlaub war gebucht. „Ich habe zehn Tage keinen Sport gemacht“, gesteht er. Nach dem verlorenen Champions-League-Finale (“Extrem harter Schlag, es nicht gewonnen zu haben“) war er platt. Vor allem mental. „Aber die Pause hat mir gutgetan.“ Es geht auch körperlich wieder.

Und so ist Emre Can wider Erwarten doch noch bei seiner dritten EM nach 2016 und 21 gelandet. Durch seinen Treffer vom Freitag hat er sogar mehr EM-Tore als Thomas Müller, der Weltmeister. Can ist der EM-Spezialist, der EMre. GÜNTER KLEIN

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