Ismaik: Tapfer im Getümmel

von Redaktion

Investor betritt Zenith-Halle bei Reisinger-Rede – Provokationen lässt er an sich abprallen

Hochsicherheitszone: Polizisten beobachten die Zenith-Halle, vor der sich lange Schlangen bildeten. © Sampics / Stefan Matzke

Mit Spitzen gespickte Rede: Robert Reisinger. © Sampics

Anti-Ismaik-Präservativ: Inhalt eines Fanpakets. © Sampics

Premiere: Erstmals in seinen 13 Jahren als Investor des TSV 1860 besuchte Hasan Ismaik eine Versammlung des Muttervereins (e.V.). © ulk

München – Links in Reihe 10, wenige Meter von Notausgang 5 entfernt, ließ sich Hasan Ismaik nieder. Das heißt: Nicht nur Ismaik, auch mehrere Personenschützer, die sich vor, neben und hinter ihm postierten – dazu ein Übersetzer und sein Bruder Yahya. Als Ismaik gegen 10.30 Uhr die Mitgliederversammlung im Zenith betrat, ausgerechnet während der Präsidentenrede seines Gegenspielers Robert Reisinger, war das Publikum abgelenkt. Vereinzelt gab es Applaus für den Investor, beim Anstehen vor der Halle war aber auch das Scheich-Lied gesungen worden, eine von vielen Provokationen. Ismaik reckte kampfeslustig die Faust und sagte zu unserer Zeitung: „Mir macht das Spaß hier. Auch wenn die Gegner pfeifen, brüllen und Buh rufen – es zeigt mir, wie lebendig dieser Verein ist.“

Vom Notausgang machte Ismaik also keinen Gebrauch, im Gegenteil. Er hörte sich geduldig die Rede Resingers an, klatschte sogar einmal, vermutlich aus Versehen, weil das Vereinsoberhaupt mal wieder einen stetig wiederkehrenden e.V.-Schlachtruf betont hatte („Wir sind der Verein!“). Hin und wieder kam einer an, um Ismaik die Hand zu schütteln, auch Klaus Ruhdorfer, Klaus Lutz und Martin Gräfer vom „Bündnis Zukunft 1860“. Ansonsten verfolgte Ismaik das Geschehen mit der stoischen Ruhe eines Theaterbesuchers

Ismaik hörte aufmerksam zu, was ihm übersetzt wurde – und er blickte tapfer in den finsteren Saal, auch als Reisinger seine gut vorbereiteten Spitzen setzte. Ein Kernsatz der 50-minütigen Rede: „1860 ist nicht etwa Drittligist, weil ihn die angeblichen Verzwerger so gerne in den unteren Ligen sehen. Nein, der TSV 1860 ist 2017 sogar ein Viertligist geworden, weil ihn Menschen mit hochtrabenden Plänen und Größenwahn genau dort hingebracht haben.“ Die Horrorsaison 2016/17, als 1860 doppelt abstieg, lässt grüßen. Ismaik nahm damals erheblichen Einfluss auf die Personalpolitik. Reisinger wetterte gegen „vermeintliche Erlöser und Glücksritter, die den Löwen die Perspektive im Profifußball rauben. Und immer sind es engagierte Ehrenamtliche im Verein, die die Scherben zusammenkehren, die diese Leute hinterlassen.“ Jetzt, 2024, stünden „wieder neue Heilsbringer vor der Tür“. Angesprochen durften sich die Kandidaten vom „Bündnis Zukunft“ fühlen. „Und“, hob Reisinger die Stimme: „Ich warne davor, die gleichen Fehler immer und immer wieder zu machen.“

Als Reisinger seine Rede beendet hatte, tobte der Saal. Im vorderen Bereich der Halle, wo sich die e.V.-Unterstützer breitgemacht hatten, blieb kaum einer sitzen. „Wir sind der Verein“, skandierte die Menge, brüllte „Sechzig, Sechzig“ und applaudierte minutenlang. Kurz darauf: Szenenwechsel. Es ging weiter mit dem Bericht von Schatzmeister Heinz Schmidt, der Verständnis für jeden hatte, „der die Halle mal für zehn Minuten verlassen will“. Vorne am Seitenausgang wurde ein Tisch aufgebaut. Die Ultras verteilten Stofftaschen mit der Aufschrift: „Freiheit für Sechzig“. Inhalt u.a.: ein Kondom mit dem durchgestrichenen Konterfei des Investors. Die Botschaft kann sich jeder denken, aber selbst das hielt Ismaik nicht davon ab, Ausgang 5 zu nehmen. ULI KELLNER

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