Angeschlagene Tiefstapler

von Redaktion

Ungarn steht unter Druck – traut sich aber wenig zu

Sinnbild der ungarischen Auftaktpartie: Dominik Szoboszlai gegen den Schweizer Fabian Schaer. © Kudryavtsev/afp

Stuttgart – „Es ist fast undenkbar, dass jemand auf uns setzen wird“, sagt Ungarns Nationaltrainer Marco Rossi vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Deutschland in Stuttgart (Mittwoch 18 Uhr/ARD und Magenta TV). Der 59-jährige Italiener ist eigentlich gerade dabei, die Spielphilosophie moderner zu gestalten; nicht mehr nur hinten tief stehen, sondern auch flexibler nach vorne spielen. Zum EM-Auftakt gegen die Schweiz (1:3) hat das aber nicht wirklich geklappt.

Der 1996/97 kurz bei Eintracht Frankfurt spielende Rossi wird jetzt seine Achse mit deutschen Bezügen in die Pflicht nehmen. Torwart Peter Gulacsi und Abwehrchef Willi Orban von RB Leipzig als auch der im vergangenen Jahr von den Sachsen zum FC Liverpool gewechselte Kapitän Dominik Szoboszlai sind seine Säulen. Doch bei der Nummer eins geht das Problem los: Gulacsi hat die Aura als einer der besten Ballfänger der Bundesliga nach einem Kreuzbandriss eingebüßt.

Der 34-Jährige brauchte bis in den Februar, um sich wieder einen Stammplatz in Leipzig zu erobern. Dabei gehört er zu einer der prägendsten Gesichtern im Brauseklub, bei dem er bereits 2015 anheuerte. „Die meisten Spieler kenne ich, stand gegen sie bereits mehrfach auf dem Platz“, sagt Gulacsi. Seine Wahlheimat habe mit dem Ex-Leipziger Julian Nagelsmann nun auch einen Top-Trainer und sei der „absolute Titelfavorit“. Der Tormann empfiehlt, sich auf bewährte Mittel zu besinnen: „Dicht stehen, solide verteidigen, mit Leidenschaft kämpfen, schnell umschalten. Wir sind taktisch sehr diszipliniert und haben jetzt auch individuelle Qualität.“

Was ihm Mut macht: Die deutsche Nationalelf fand vor zwei Jahren in den Nations-League-Duellen (1:1, 0:1) kaum eine Lücke. Und vor dem Heimvorteil der DFB-Elf fürchtet sich der Schlussmann am wenigsten: „Unsere Fans sind sehr kreativ, wenn es darum geht, an Karten zu kommen. Ich glaube, das wird ein Auswärtsspiel für euch!“

Nun hat es schon in Köln nicht an Unterstützung gemangelt, doch speziell die Defensive patzte furchtbar. Auch Abwehrchef Orban erwischte einen rabenschwarzen Tag: Der 31-Jährige reihte mit seinen Nebenleuten Adam Lang (Omonia Nikosia) und Attila Szalai (SC Freiburg) in der Dreierkette Fehler an Fehler.

Mit dem nun zum VfL Wolfsburg wechselnden Marton Dardai, Sohn von Hertha-Legende Pal Dardai, stände eine junge Alternative bereit, doch Rossi wird jetzt kaum seine Routiniers abstrafen. Den beim 1. FC Kaiserslautern ausgebildeten Orban bezeichnet er ja als einen seiner Anführer: „Er ist der Typ, der nicht zu viel redet, aber wenn er was sagt, dann hören alle zu.“

Das Wort soll ohnehin Spielmacher Szoboszlai führen, der mit der Kapitänsbinde noch mehr Verantwortung übernahm. Die letzte EM verpasste der 23-Jährige verletzt, umso mehr Erwartungen lasten jetzt auf dem Edeltechniker. Doch bei seiner EM-Premiere wirkte die Nummer zehn nur wie die Karikatur eines Unterschiedsspielers. Ballverluste und Zweikampfführung gerieten zum Ärgernis.

Immerhin hat der Anführer begriffen, dass es so nicht geht. „Wir sind nicht hier, um Kinderfußball zu spielen. Wir wollen wirklich weiterkommen, aber dafür müssen wir arbeiten.“ Und am besten auch gegen Deutschland punkten. FRANK HELLMANN

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