DFB vs. Ungarn: Damals unterm Regenbogen

von Redaktion

Historischer Torjubel: Leon Goretzka (neben ihm Kevin Volland) 2021 vor der ungarischen Kurve. © dpa/Barth

München – EM 2021, letztes Vorrundenspiel in München gegen die Ungarn – und all das, was in den Tagen davor und schließlich auf dem Rasen und den Rängen geschah, floss zusammen in einem Bild, das um die Welt ging: Leon Goretzka und wie er nach seinem Tor zum 2:2 mit den Händen ein Herz formte. Hintersinniger konnte Jubel direkt vor der gegnerischen Fankurve nicht sein. Er sagte: Ich schleudere eurem Hass und euren Phobien die Botschaft entgegen, dass Liebe stärker ist.

Es hatte sich etwas aufgeschaukelt in der großen Politik – und es erreichte den Fußball. In Ungarn war ein Gesetz verabschiedet worden, das die mediale Darstellung von Homo- und Transsexualität gegenüber Minderjährigen verbot; mitten in der EU war es gefährlich geworden, die Regenbogenflagge zu zeigen. Zugleich warf schon die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar ihre Schatten voraus auf das europäische Turnier. Die deutschen Nationalspieler hatten im Frühjahr 2021 begonnen, sich mit Menschenrechtsfragen zu befassen. Die Mannschaft wollte sich positionieren – und sie erfuhr breiten Rückhalt. Aus dem Münchner Stadtrat forderte ein fraktionsübergreifendes Bündnis, dem sich sogar die stockkonservative Bayernpartie anschloss, die Arena zum Spiel in den Farben des Regenbogens zu illuminieren.

Die Stadt stellte den Antrag, die UEFA, während der EM Hausherr im Stadion, lehnte ihn ab. Die UEFA unternahm allerdings auch nichts dagegen, dass vor der Arena Regenbogenfähnchen verteilt wurden. Und sie ließ Manuel Neuer als Kapitän die Regenbogen-Binde tragen. Da war sie dann ein „Zeichen für Vielfalt“ und ein „good cause“. Wegen der Corona-Restriktionen waren lediglich etwas mehr als 12000 Menschen eingelassen worden. Trotzdem brodelte es vor Feindseligkeit. Die Polizei war wegen des schwarzen Blocks der Ungarn den ganzen Spieltag über in Alarmbereitschaft. Die verhöhnten die deutsche Elf: „Deutschland, Deutschland homosexuell.“ Mit diesem 23. Juni 2021 veränderten sich die deutschen Fußballbeziehungen zu Ungarn. Fast mitleidserfüllt blickte man bis dahin auf das einst für Weltklasse stehende Land, das nach 1954 und dem Trauma des verlorenen WM-Finales gegen Deutschland einen Niedergang erlebt hatte. 2016 waren die Ungarn unter den deutschen Trainern Bernd Storck und Andy Möller mal wieder für eine EM qualifiziert, von sportlicher Augenhöhe aber weit entfernt. Seit dem 2:2 vor drei Jahren werden sie als unangenehmer Gegner anerkannt. Im Folgejahr gab es in der Nations League ein mattes 1:1 und eine 0:1-Pleite.

Und Leon Goretzka? Dem dürfte das pink-lila Trikot, in dem der DFB heut aufläuft, gefallen. Es ist längst ein Verkaufsschlager. Goretzka dagegen eine Art Ladenhüter. Bei Bayern steht er auf der Verkaufsliste, auch Nagelsmann bootete ihn aus. GÜNTER KLEIN

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