Ein ganz linkes Ding

von Redaktion

Experte enthüllt Ungarn-Taktik und erklärt ihre Schwachstellen

Die Außenverteidiger passen den Ball an den Mittelkreis, wo ihn einer der Sechser aufnimmt und in den Halbraum spielt. © IFI

Stuttgart – Schon unmittelbar nach der 5:1-Auftaktgala gegen Schottland warnte Julian Nagelsmann vor Ungarn. Allen voran vor Dominik Szoboszlai, mit dem der Bundestrainer zu gemeinsamen Leipziger Zeiten gearbeitet hatte. Mittlerweile ist der Offensivspieler Leistungsträger beim FC Liverpool. „Der turnt überall rum“, lautete die Kurz-Analyse von Nagelsmann über seinen Ex-Schützling. Der Kapitän ist der absolute Ausnahmespieler im Kader der Ungarn und spielt im 3-4-2-1-System einen der beiden Zehner hinter der alleinigen Spitze. Sowohl körperlich als auch technisch ist er dem allerhöchsten Niveau, obwohl er gerade einmal 23 Jahre alt ist. Im ersten Spiel blieb er allerdings weit unter seinen Möglichkeiten.

„Mit ihren zwei Zehnern um Schlüsselspieler Szoboszlai können die Ungarn sehr gut die Zwischenräume vor der Abwehrreihe besetzen“, erklärt Taktik-Experte Markus Brunnschneider. Gleichzeitig wird defensiv aus der Dreierkette durch die fallenden „Schienenspieler“ im Vierer-Mittelfeld schnell eine Fünferkette. Die Zehner positionieren sich neben dem Stürmer, sodass defensiv ein 5-2-3 entsteht. Im Spielaufbau planen die Ungarn daher meist ein linkes Ding, wie der Fachbereichsleiter Taktik- und Spielanalyse am Internationalen Fußball Institut (IFI) entschlüsselt hat: „Im Aufbau fällt wiederholt ein Sechser links neben Orbán zurück, um einen Viereraufbau zu ermöglichen. Die äußeren Innenverteidiger werden dann zu Außenverteidigern. Somit zeigt Ungarn häufig auch ein 4-1-4-1.“

Aber was bedeutet das für die deutsche Mannschaft? Dass Jamal Musiala und Florian Wirtz wieder zum Dosenöffner werden könnten. „Ungarn bietet im Mittelfeldpressing immer wieder große Räume an. Sind beide Sechser am Mann, wird der Zwischenraum zwischen Abwehr und Mittelfeld meist zu groß, auch weil die Innenverteidiger nicht immer konsequent nachschieben“, sagt Brunnschneider, der das 1:3 gegen die Schweiz analysiert hat. Darüber hinaus kommt es regelmäßig zu Absprachefehlern der Sechser: Einer verteidigt hoch, der Zweite hält den Raum. Dadurch ergibt sich eine Unterzahl und viel Raum hinter dem herausstechenden Sechser. „Ein Schlüssel für Deutschland wird somit sein, einerseits die Räume im Zentrum zwischen den Ketten gut zu besetzen“, weiß der Taktik-Experte. Und genau an dieser Stelle kommt „Wusiala“ ins Spiel.

Wenn die beiden Zauberer genügend Platz in den Halbräumen haben, können sie das Angriffsspiel entsprechend beschleunigen. Vor allem Musiala kann durch seine Aufdreh-Bewegung ein entscheidender Faktor werden. In der Praxis könnte Joshua Kimmich oder Maximilian Mittelstädt den Ball nach innen passen, wo Toni Kroos oder Robert Andrich direkt weiter in den vorderen Halbraum spielen. Dann ist der Weg frei. M. BONKE, P. KESSLER

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