„Hat jemand Geburtstag heute?“ Sandro Wagner (r.) ist Co-Trainer mit Erinnerungsfunktion für Chef Nagelsmann. © sampics
Stuttgart – Julian Nagelsmann hat neue Informationen geliefert, wie es mit der Arbeitsaufteilung in seinem Trainerteam funktioniert. Er selbst ist ja „in meinem Coaching gefangen“, daher sind die Assistenten Sandro Wagner und Benjamin Glück aufgefordert, ihn auf kalendarische Besonderheiten hinzuweisen. „Unser Running Gag“, verrät der Bundestrainer, „ist, dass wir aufpassen, ob einer Geburtstag hat und ich ihn einwechseln muss.“ Schließlich sollen die „Soft Skills“, die weichen Faktoren, der vorausschauende Umgang auf menschlicher Ebene, auch für den Chef verpflichtend sein. Heute Abend im Spiel gegen Ungarn könnte Nagelsmann die sanfte Erinnerung bekommen, dass auf der Bank einige Stuttgarter sitzen, für die es schön wäre, sich vor ihrem Publikum als Nationalspieler zeigen zu können: Waldemar Anton, Chris Führich, Deniz Undav. „Kann sein, dass wir an sie ein Gimmick verteilen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“, kündigt Julian Nagelsmann an.
Eine solide Führung gegen Ungarn wäre die Voraussetzung für auf den Standort geschneiderte Einwechslungen – und wenn es dazu käme, würde das passen in die Erzählung vom deutschen Fußball, der in diesen Tagen auferstanden ist. Auf die Atmosphäre am Freitag in München angesprochen, sagt Nagelsmann, dass man da im Publikum schon noch „latente Skepsis“ verspürt habe trotz des 5:1. Schottland war ein unbekannter Gegner und für die Fußball-Öffentlichkeit nicht der entscheidende Maßstab – angesichts der Schwierigkeiten, die deutsche Nationalmannschaften die vergangenen Male mit der ungarischen Auswahl hatte, wäre ein Sieg der Beweis, dass eine nachhaltige Verbesserung gegenüber der Endphase der Ära Flick und der Zeit unter Löw stattgefunden hat. Und auch wenn Nagelsmann sagt „Wir gehen bei keinem Gegner davon aus, dass wir ihn aus dem Stadion schießen werden – auch bei den Ungarn nicht“, so kann man das Selbstvertrauen, das sein Team ausstrahlt, fast greifen.
Alle, die gegen Schottland im Einsatz waren, sind gesund oder wiederhergestellt, Toni Kroos ist die Nackenschmerzen los, die er vorige Woche noch geheim gehalten hatte. Und obwohl die Rollen im 26-köpfigen Kader, wie häufig kommuniziert, klar verteilt sind, so bietet das Training genug Feuer. „Manchmal lasse ich die Alten und die Jungen gegeneinander spielen“, verrät Nagelsmann und erinnert an die Sage, die in den 60er- und 70er-Jahren der legendäre Wiener Peitschenknaller Max Merkel über sich verbreitet hatte (“Bei mir spielen die Alkoholiker gegen die Antialkoholiker“). Wer gewinnt im aktuellen deutschen Team, Senioren, Junioren? „Unterschiedlich, wir liefern uns da einen harten Kampf“, so Außenverteidiger Maxi Mittelstädt, der die Stuttgarter Farben vom Anpfiff weg vertreten wird. „Es zeichnet diese Mannschaft aus, dass wir auch im Training nichts abschenken.“
Mit einem Sieg stünde man bei sechs Punkten, das Achtelfinale wäre gebucht. Man könnte schon mal aufs Turniertableau spitzeln, mit wem man es womöglich zu tun bekäme und in welchen Städten. „Klar, der Gedanke ist da“, gibt Mittelstädt zu, „aber wir befassen uns nicht extrem damit. Wir wollen erst mal die beiden Gruppenspiele positiv bestreiten.“
Mittelstädt kennt einige Ungarn (Orban, Sallai, Szoboszlai) als Gegenspieler aus der Bundesliga, Julian Nagelsmann hat bereits am Sonntag begonnen, die Mannschaft spezifisch vorzubereiten. Etwa auf Szoboszlai als Meister des ruhenden Balls und Willi Orban als Verwerter der daraus entstehenden Vorlagen. Und schon ist er im Tunnel. GÜNTER KLEIN