„Es gibt einige Regeln zu beachten“

von Redaktion

Stuttgart-Stadionsprecher Zimmermann über die strenge UEFA und richtige Aussprache

Am Mikrofon zuhause: EURO-Stadionsprecher Jens Zimmermann. © IMAGO/Julia Rahn

Stuttgart – Wenn heute Abend die DFB-Elf in Stuttgart gegen Ungarn antritt, ist Jens Zimmermann in einer Hauptrolle. Der 51-Jährige ist einer von neun Stadionsprechern in den zehn EURO-Stadien. Obwohl er ein Experte am Mikrofon ist – unter anderem moderierte er bereits drei Mal bei Olympischen Spielen –, ein Novum für den Stuttgarter.

Herr Zimmermann, was muss man wissen als EM-Stadionsprecher?

Es gibt einige Regeln zu beachten – und das oberste Gebot ist Fairplay. Die UEFA möchte, dass alle Teams – auch das deutsche – gleich behandelt werden. Das betrifft mich ein bzw. hoffentlich zwei Mal auch in Stuttgart persönlich, wenn die Nationalmannschaft spielt. Es gibt nur einen Unterschied.

Welchen?

Bei Spielen mit deutscher Beteiligung dürfen wir die Rückennummern als Erstes auf Deutsch nennen, bei allen anderen zuerst in Englisch. Mehr Heimvorteil gibt es nicht. Aber ich glaube, dass das beim Fußball auch kein großes Problem ist, weil die Zuschauer ja sehr stark interagieren.

Anders als in anderen Sportarten?

Bei der Handball-EM im Januar zum Beispiel war es als Hallensprecher schon notwendig, die Zuschauer in den Hallen mitzunehmen. Der deutschen Mannschaft haben wir so etwas mehr Energie zukommen lassen können. Bis zu einer gewissen Grenze finde ich das aber auch vollkommen okay. Die kanadischen Langläufer habe ich bei den Olympischen Spielen 2010 schon auch ein wenig mehr angefeuert, in Peking dann die Chinesen. Sport ist emotional, da darf man den Heimsportlern auch einen gewissen Heimvorteil zukommen lassen.

Ist die UEFA besonders streng?

Streng ist das falsche Wort. Aber die UEFA legt schon eine intensive Vorbereitung auch für die Moderatoren an den Tag. Das ist sehr gut vorbereitet vom Verband – alle Eventualitäten, die für uns anfallen können, sind bedacht. Es wird aber kein umfangreiches Entertainment-Programm im Vorlauf geben, wie man es zum Beispiel von der FIFA kennt. Das Konzept der UEFA sieht anders aus. Es gibt einen Fan-Song und einen sogenannten Celebration-Song pro Nation, den die Verbände festlegen. Und es gibt ausschließlich einen Tor-Song für alle, Seven Nation Army von The White Stripes.

Wo holt man sich Tipps – beim VfB-Stadionsprecher?

(lacht) Mein Vater hat mal zu mir gesagt: Sag nicht so oft „meine Damen und Herren“, das mache ich seitdem nicht mehr. Ansonsten schaue ich schon, was Kollegen so machen. Die schauen aber sicherlich auch auf mich, das ist normal unter Kollegen. Ich sage schon immer: Wer aufhört, besser zu werden, hört auf, gut zu sein. Deshalb entwickle ich mich gerne in alle Richtungen weiter.

Wie bereitet man sich auf die richtige Aussprache vor?

Aussprache ich ein großes Thema. Denn es sollte schon der Anspruch eines Moderators sein, Namen so nah wie möglich am Original aussprechen zu können. Da bin ich allerdings durch viele internationale Veranstaltungen abgehärtet. Im Turnen etwa ist von China über Osteuropa bis zu Südamerika alles dabei. Ungarisch ist zum Beispiel eine Herausforderung, weil die Namen zum Teil ganz anders ausgesprochen werden, als man sie liest.

Machen Sie also einen Crashkurs in allen Sprachen?

Die UEFA hat einen Download-Bereich für die Stadionsprecher auf ihrer Website, in dem die Aussprachen der Spielernamen bereitstehen. Ich schreibe mir die Namen dann in Lautsprache auf – so gibt es keine bösen Überraschungen.

Was wird die härteste Nuss?

Das sage ich Ihnen danach (lacht). Noch halte ich es wie früher teilweise bei den Klassenarbeiten: alles ins Kurzzeitgedächtnis.

Wie ölen Sie Ihre Stimme?

Viele Kollegen trinken warmes Wasser, das hat sich bewährt. Aber Fußball ist eh nicht so belastend für die Stimme, weil man in den 90 Minuten ja nicht sonderlich viel zu sagen hast. Das Extremste für die Stimmbänder ist Handball. Da muss man wie ein Sänger die Stimmbänder warm singen bzw. sprechen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das noch zu wenig mache. Dabei kann ich dann schon Gefahr laufen, beim dritten Handball-Spiel am Tag die Stimme zu verlieren.

Was ist mit Ihrem Dialekt?

Ich bin im Schwarzwald aufgewachsen, aber sobald ich ein Mikrofon in die Hand nehme, ist der Schalter auf Hochdeutsch gestellt. Vielleicht hört man eine Klangfarbe durch, aber das darf man ja auch. Für mich ist es in Stuttgart ja außerdem ein echtes Heimspiel, ich wohne hier nun seit 1997.

Ist eine EURO im eigenen Land dann das Nonplusultra in Ihrem Job?

Es war schon wahnsinnig, wie viele Leute mich angesprochen haben, als meine Tätigkeit als Stadionsprecher in den Medien publik wurde. Für mich persönlich ist es eine reizvolle Aufgabe, eine Ehre, in meiner Heimatstadt dabei zu sein. aber nicht mein absoluter Lebenstraum. Ich bin ein Fan von der olympischen Idee, nach Olympischen Spielen kommt bei mir lange nichts. Der Fußball aber hat selbstverständlich einen ganz anderen Fan-Impact und gewinnt so an Bedeutung.

Gibt es ein Muster: Sind Sie deutscher Glücksbringer?

Tatsächlich ist alles schon dabei gewesen. Zuletzt der Erfolg von Andreas Wellinger bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf, da hat man schon Gänsehaut, wenn 25 000 die Nationalhymne singen. Die Handballer aber wurden nicht Europameister. Aber so wichtig will ich mich auch nicht nehmen (lacht).

INTERVIEW: HANNA RAIF

Artikel 1 von 11