Man muss sie einfach mögen: Diese niederländischen Anhänger kamen in Flintstone-Anmutung ins Stadion. © Sina Schuldt/dpa
Hey Hamburg, wir sind hier und wir sind viele: Der Fanmarsch der Niederlande-Fans war beeindruckend. © Bodo Marks/dpa
Mon dieu! Ein französischer Fan mit einem Stoffhahn in der Hand steht auf der Tribüne in Düsseldorf. © Marius Becker/dpa
Fans aus Belgien auf der Tribüne: Vor dem Spiel war die Stimmung der Roten-Teufel Anhänger in Frankfurt noch gut. © Arne Dedert/dpa
Danish Dynamite: Dänemarks Fans bevölkerten Stuttgart. © Christoph Schmidt/dpa
Frankfurt/Berlin/Hamburg – Ganz vereinzelt wagten sie es ja doch: Anhänger von Eintracht Frankfurt trugen am Montagabend ihr Vereinstrikot in die Arena im Stadtwald, obwohl sie damit zu den Exoten in ihrem Heimstadion zählten: Denn in der Nordwestkurve dominierte eigentlich das knallige Rot, mit dem sich Anhänger von Belgien kleiden. Worüber sich Stammbesucher am meisten wunderten: Die weit geöffnete Fluchttore, um ungestört einen Umlauf um die gesamte Arena zu unternehmen. Fantrennung? Nicht nötig. Was zu schönen Verbrüderungsszenen führte: Belgische und slowakische Anhänger posierten für Fotos, tauschten Fanutensilien oder hielten Smalltalk in der Schlange am Bierstand.
Diese verbindenden Elemente sind oft bei Bundesligaspielen gar nicht möglich, weil Gruppierungen wie in Frankfurt die mächtigen Ultras das Hoheitsrecht für ihren Bereich reklamieren – fremde Fans sind hier nicht willkommen. Deutschlands heimliche Fußball-Hauptstadt ist bei der Turnierpremiere nur dem Trend gefolgt, der bei dieser EM schon viele Herzen berührt hat. Man geht weitgehend entspannt miteinander um, man begreift das Turnier als das, was sein Slogan vorgibt: United by Football. Vereint im Herzen von Europa. Auf einmal kommen sich auch Dänen und Slowenen näher, gefallen sich Engländer und Serben, verbrüdern sich Rumänen und Ukrainer. Allein die bloße Anzahl mündet in eine prächtige Stimmung, weil sich die Anhänger nicht mit den eigentlich zugedachten Kontingenten begnügt, sondern sich über alle Kanäle mit Tickets eingedeckt haben.
Fanexperte Michael Gabriel hatte genau das im Vorlauf dieser zweiten EM nach 1988 in Deutschland erwartet. „In Ländern wie Slowenien oder Albanien hat eine große Vorfreude geherrscht, denn diese Nationen qualifizieren sich in der Regel nicht. Wir müssen bei vielen Ländern auch mitbedenken, dass es eine große Diaspora in Europa gibt.“ Insbesondere auf Polen, Kroatien oder die Türkei träfe das ja zu. So kommt eines zum anderen, was die farbenfrohen Kulissen erklärt. Und die Leidenschaft auf den Rängen überträgt sich am besten auf den Rasen.
Dieses internationale Event ist atmosphärisch ein wunderbares Kontrastprogramm zum nationalen Alltag, und überdies vernarben die letzten Wunden, die die Geisterspiele in Corona-Zeiten gerissen haben. Vor drei Jahren wurde in fast allen Stadien in Europa, Ausnahme Budapest, in nur teilgeöffneten Arenen gespielt, was von Rom bis Glasgow kräftig auf die Stimmung drückte. Danach bei der WM 2022 in Kater hatte zwar das Virus keinen, dafür aber die Politik großen Einfluss – und die meisten Anhänger aus Europa scheuten die Reise in die Wüste, wo Südamerikaner, Afrikaner und Asiaten den Ton setzten.
Insofern erlebt Deutschland, wie auf den Tribünen wieder Fanträume in Erfüllung gehen. Ausländische Gäste bereichern mit ihrer großen Freundlichkeit die zehn Spielorte, während es bei der WM 2006 genau umgekehrt war. Da präsentierte sich derselbe Gastgeber so offen und ausgelassen, dass die angereisten Menschen aus aller Welt sich haben mitreißen lassen. Nun schwappt die Welle der Begeisterung außerhalb der Landesgrenzen hinein.
Über 20 Millionen Kartenanfragen belegten das gewaltige Interesse, irgendwie dabei zu sein. Dass zehn bis zwölf Millionen Fans für die EM 2024 anreisen würden, erschien sicherlich nicht denkbar, als der DFB noch unter seinem Präsidenten Reinhard Grindel 2017 mit deutlicher Mehrheit gegenüber dem Mitbewerber Türkei den Zuschlag erhielt.
Nur die Auszeichnung als perfekter Organisator hat 18 Jahren später erste Schrammen abbekommen. Die ohnehin marode Verkehrsinfrastruktur wirkt dem Ansturm in Teilen nicht gewachsen. Insbesondere die Bahn droht sich international zu blamieren. Noch ist es zu früh für ein Fazit, aber hier erwächst gerade das Kardinalproblem beim Ausrichter: So vehement den öffentlichen Transport mit dem Ziel der Nachhaltigkeit beworben zu haben, ohne entsprechende Verbesserungen tatkräftig im Vorlauf anzugehen, war nahezu naiv. Noch scheint das den meisten Fans bislang nicht die Laune zu vermiesen, was sich aber ändern könnte, wenn sich die massiv beispielsweise in Gelsenkirchen aufgetretenen Probleme verschärfen. Und eigentlich wäre es doch jammerschade, wenn das verbindende Element des Volkssports Nummer eins nicht zum Tragen kommt, weil öffentliche Verkehrsmittel in der größten Volkswirtschaft Europas nicht ordentlich von A nach B kommen. FRANK HELLMANN