ZUM TAGE

Lukakus Herz soll hüpfen dürfen

von Redaktion

Belgiens ewiges Drama

Bei der WM vor eineinhalb Jahren in Katar hätte Romele Lukaku in einer Halbzeit Torschützenkönig des gesamten Turniers werden können. Der Mittelstürmer der Belgier, der aus einer sehr langen Verletzungspause kam, spielte famos, er stand, wo man stehen musste – nur: Jeder Abschluss misslang unter den ungünstigsten Begleitumständen, es war eine Slapstick-Show, die für die Zuschauenden irgendwann schmerzhaft wurde. Für Lukaku selber dann auch noch: Weil das Team auch wegen seines Chancenwuchers mit diesem letzten Vorrundenspiel ausschied, zerdepperte er beim Verlassen des Stadions mit der Hand eine Glasscheibe.

Am Montag ging das Lukaku-Leiden weiter, als wäre das erste EM- ein direkter Anschluss an das letzte WM-Spiel. Er schoss in toller und nahezu unnachahmlicher Mittelstürmermanier zwei Tore, man konnte sehen, wie ihm unter dem schweißnass am Körper klebenden roten Trikot das Herz hüpfte – doch wiederum hielt der Fußball seine Grausamkeiten für ihn bereit. Beim ersten Treffer, das das 1:1 gegen die Slowakei gewesen wäre, stand er knapp im Abseits, der Video Assistant Referee stellte richtig, was Schieds- und Linienrichter aber auf dem Feld auch schon hätten sehen können. Beim zweiten Tor, das dann nicht das 2:1, ja nicht einmal das 1:1 war, kam erneut ein Einwand seitens der Videosezierer und Ballchip-Informatiker: ein Handspiel des Vorbereiters Lois Openda – das ihm allerdings keinen Vorteil einbrachte und dem keine Absicht zugrunde lag.

Sieht ganz so aus, als erführe die belgische Saga bei dieser EM ihre Fortsetzung. Der offizielle Geheimfavorit, dessen Scheitern ein so fixer Programmpunkt ist wie die Eröffnungsshow oder die Verlesung der Mannschaftsaufstellungen. Ein kleines Land, das sich einen Ruf geschaffen hat als Ausbildungslabor für die großen Ligen. Seine eigenen Clubs werden nie die internationale Spitze erreichen, weil sie leergekauft werden – von einst RSC Anderlecht bis nun Union St. Gilloise. Alleine die Nationalmannschaft könnte einen Thron besteigen. Könnte, denn entweder stirbt sie in Schönheit oder im Umständlichkeit. Oder hat Pech.

Der Trost dafür, dass wohl wieder eine Titelchance nicht realisiert wird, ist die FIFA-Weltrangliste. Belgien ist Dritter, bester Europäer hinter Frankreich. Favorit und Geheimfavorit eben. Mögen aber Romele Lukaku noch ein paar Tore gelingen – die die Technologie überstehen. Guenter.Klein@ovb.net

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