Beim Quiz: Kristina Vogel und Guido Cantz.
Gestern nur zwei EM-Spiele, was für eine miserable Planung der UEFA. Aber bei uns vom Fernseh-Eckerl sind Sie, liebe Lesenden, mit Ihren Entzugserscheinungen in besten Händen. Wir spenden Trost, Zuspruch, Liebe und auch heute die volle Portion EM-TV. Diesmal sind wir dahin gegangen, wo es weh tut. Wir haben uns bewusst die Synapsen veröden lassen und Gehirnzellen abgetötet – mit dem EM-Unterhaltungsprogramm von RTL, ARD und Magenta. Wir haben auf die dunkle Seite der Europameisterschaft geschaut, damit Sie es nicht tun müssen.
Welche „Emotionen“ meint RTL? Beim „EM-Studio“ um 20.15 Uhr, das kaum mehr Zuschauer hat als Hoffenheim im Kraichgau-Pokal gegen Germania Gochsheim, drohen Elton und Dschungel-Spezi Jan Köppen mit „allen Spielen, allen Toren, allen Emotionen“. Und es stimmt, man spürt vor dem Fernseher sämtliche Emotionen: Langweile, Fremdschämen, Verwirrung, Ratlosigkeit. In kuriosen Spielen übt Elton Kopfball. Und der Influencer Mitja Lafere meldet aus Herzogenaurach: „Die Stimmung im Team ist super. Ich bin sehr gespannt. Zurück zu Euch ins Studio, Elton.“ RTL muss die kuriose Sendung nun noch fast vier Wochen lang zeigen, während parallel bei ARD, ZDF und Telekom der richtige Fußball läuft. Nur kein Mitleid.
Wer macht da mit? Die, die immer mitmachen, zum Beispiel beim Doppelpass. Helmer, Effe, Lothar, Babbel. Wobei: Der Doppelpass ist im Vergleich dazu das „Literarische Quartett“, denn da macht Elton keinen Kopfball. Und so nennt Helmer den Kroos-Bruder Felix „Toni“. Und Lothar Matthäus verwirrt mit der „Holding Six der Schotten, dem Vierer“. Stefan Raab, der clevere Lena-Erfinder, hat RTL den Quatsch untergejubelt. Leider ist Raab halt der Felix Magath des Fußballs. Die großen Erfolge sind lange her.
Ist das ARD-Kneipenquiz unterhaltsamer? Im Gegenteil. Nachts, wenn alles schläft, präsentiert die gestrenge Stephanie Müller-Spirra ein Fußball-Fragespiel live aus der Kneipe „Der Kuhhirte“ in Bochum. Das arme Tier, vielleicht sollte man doch Veganer werden. Gäste wie Guido Cantz, herrje, müssen Seile auf den Umfang eines EM-Balls abschneiden oder mitzählen, wie oft Sir Erich Ribbeck „subjektiv“ sagt. Das ist objektiv langweilig. Und wenn der Komiker Malte Völz auf dem Xylophon „Seven Nation Army“ klöppelt, kommt als weitere Emotion (siehe RTL) Aggression dazu. Dagegen war „Waldis Club“ Quantenphysik.
Wie konnte das passieren? Keine Ahnung. Was könnte man mit dem schönen Gebührengeld für tolle Sendungen machen. Am Ende singt ein Chor „Glückauf, der Steiger kommt“ (leider nicht der Schweinsteiger). Und man sehnt sich nach Alt-Lottofee Karin Tietze-Ludwig, die am Schluss des Grand-Prix-Vorentscheids 1975 um 23.25 Uhr gesagt hat: „Damit endet das Programm des Deutschen Fernsehens.“ Dann war Testbild, und das war schön.
Ist „Studio Pille-Palle“ auf Magenta besser? Ein bisschen. Bei der Late Night mit Schauspieler Fahri Yardim („Jerks“) geht es angenehm subversiv zu. Köln-Legende Jonas Hector gibt als Fußball-Andrack einen entspannten Sidekick. Und Fahri zeigt sich gewohnt verpeilt: „Wir haben eine musikalische Überraschung, wer kommt nochmal?“ Das Interview mit einem mental zerrütteten Goleo („Erfolg ist eine Hure“) ist sogar richtig lustig. Das muss man nicht schauen – kann man aber, ohne ganz schlimme Emotionen zu bekommen.