Ein EM-Berichterstatter braucht auch einmal seinen Ausgleichssport: Kultur. Am Samstag klinkte ich mich aus vom Fußball. Für „Die lange Kunstnacht“ in Augsburg, das zeigen will, dass es mit Münchens Nächten der Musik und Museen mithalten kann.
Einstieg mit Winterreise und Sommerliedern von Franz Schubert im Mozarthaus. 40 Plätze, auf keinem wird aufs Handy geguckt. Wenn es heißt, Deutschland hätte 84 Millionen Bundestrainer – also, hier sind 39 Leute, die man abziehen könnte. Nach einer Dreiviertelstunde Wechsel in eine Kirche, in der ein Klavier-Violine-Klarinetten-Trio „phantastische Tänze“ von Schostakowitsch, Chatschajurtan und Piazzola spielt. Auf dem Weg zwischen den Konzert-Locations ist aus ein paar Lokalen das Strahlen der Bildschirme zu sehen. Türkei gegen Portugal. Die Türken scheinen nicht gewonnen zu haben, denn es gibt keinen Autokorso. Wenn Korso, wäre er nämlich auf der Augsburger Maximilianstraße, weil sie die Partymeile der Stadt ist (und diesmal auch die Kulturachse).
Hier wohnt derzeit auch die serbische Nationalmannschaft. Im Hotel Maximilian’s, dem ersten Haus am Ort, hat sie zwei Etagen für sich. Schauen jetzt alle in der Lobby Belgien – Rumänien? Als Normalo kann man nicht einfach reinspazieren, um das zu überprüfen – mit meiner EM-Akkreditierung ginge es. Ich könnte also die aktuell härteste Tür Augsburgs knacken, das wäre ein Coup auf der Maxstraße und irgendwie ja auch dienstliche Mission, weil Serbien deutscher Gegner werden kann. Doch ich habe die Akkreditierung nicht am Mann, bin somit ein Niemand und ja hier, um nicht beim Fußball zu sein. Das nächste Programm trägt den Titel „Lava – ein zündender Stilmix zwischen Vesuv und Ätna, zwischen Barock und postmodernen Klangreflexen“. Ein squadraazzurraschöner Italiener spielt nicht auf der Sechs, sondern auf dem Cello. Um Fußball-Assoziationen zu vermeiden, hatte ich bewusst auf den Besuch von „Scotland, the brave“ mit der Sinfonie von Felix Mendelssohn-Bartholdy, die die Weiten der Highlands in Harmonien kleidet, verzichtet – sonst wäre ich wieder beim Eröffnungsspiel gewesen.
Am Sonntagmorgen saß ich im Zug nach Frankfurt zum deutschen Spiel gegen die Schweiz. Zurück im Alltag. Aber ausgeglichen.