Heiligen-Verehrung in Berlin: Sankt Rangnick bei ServusTV.
Wenn das der Edi Finger noch erlebt hätte! Er wäre noch viel narrischer geworden als 1978 in Cordoba: „Ich möcht ihn abbusseln, den Sabitzer! Und den Rangnick auch, unseren Ralfi, den Rangi, den Wunderwuzzi, unseren Lieblings-Deutschen!“ Leider ist der legendäre Narrisch-Werder schon seit 1989 tot. Aber er hat beim Berliner Cordoba, beim Holland-Besiegen, bestimmt von seiner rot-weiß-roten Wolke aus zugeschaut. Dort ist er sich wieder mit dem Kollegen Rippel und dem Diplom-Ingenieur Posch um den Hals gefallen – falls sie dort oben ServusTV empfangen können. Denn beim Brausesender läuft der größtmögliche EM-Irrsinn, mit dem Witzekanzler, mit Rangnick-Heiligenverehrung und mit faschierten Laberl von Steffen Freund.
Servus, ORF: Wenn Maestro Rangnick aufgeigen lässt, überträgt nicht der Öffi-ORF, sondern der Red-Bull-Kanal ServusTV. Das ist so, als würde bei uns Paulaner-Spezi-TV den Bundesjulian zeigen. Normalerweise singt beim volkstümlichen Sender ständig der Gabalier, und der kuriose Intendant Ferdinand Wegscheider trommelt für die FPÖ. Aber bei der EM strengen sie sich richtig an. Sportchef Christian Nehiba, der seine Karriere als Falco-Imitator begonnen hat, hätte sich nach dem Holland-Wunder am liebsten vom Bundesralfi adoptieren lassen: „Ich muss gestehen, mir sind heute fast die Tränen gekommen.“ Kein Wunder bei so viel Liebe, dass Rangnick nicht zum FC Bayern wollte.
Party mit dem Witzekanzler: Die fesche Interviewerin Julia Kienast ist fußballerisch vorbelastet, weil ihr Papa Reinhard 1986 beim Ländermatch gegen Deutschland Teamchef Franz Beckenbauer mit zwei Toren zur Weißglut getrieben hat. Jetzt führt sie charmant, kompetent und euphorisch die Servus-Interviews, zum Beispiel mit Gladbachs Maxi Wöber. Der verrät über die Feierlichkeiten nach dem Spiel: „Kanzler und Witzekanzler waren auch da.“ Der Witzekanzler ist im Übrigen nicht Habeck – die Österreicher sprechen ihren stellvertretenden Regierungschef halt so aus.
Cordoba 2: Beim Gewinnen mit Diplom-Ingenieur Rangnick lässt es Kommentator Michael Wanits so elanvoll scheppern, dass der RTL-Jubelbube Steffen Freund dagegen wie ein verstockter Schweigemönch wirkt. „Donyell Malen bringt Österreich in Führung“, reißt es ihn beim Holland-Eigentor vom Sitz. Schöner hätte man sich den Anfang nicht malen können. Morgen kriegt der Mann die Staatsbürgerschaft ehrenhalber. Nach dem 3:2 vom Supersabi brechen alle Dämme, wie damals beim Kollegen Rippel: „Österreich führt schon wieder, Wuuuuhuuuuu! Die Würfel fallen gut für Rot-Weiß-Rot!“
Das Drumadum: Das Servus-Begleitprogramm bietet auch viel Schönes. Beim Quizspiel „Panier den Profi“ müssen Kult-Experte Jan Åge Fjørtoft und unser Power-Piefke Steffen Freund Fußballfragen beantworten – wie beim ARD-Kneipenquiz, nur weniger deppert. Der Steffen ist in Österreich ein echter Star und kredenzt zum Beispiel in „Servus Gute Küche“ zusammen mit PR-Dame Mesi Tötschinger (diese herrlichen Namen!) „Faschierte Laberl“, die im Zuge der Rangnickisierung Österreichs bald in „Fleischküchle“ umgetauft werden. Oh, Felix Austria: Dort gibt’s Laberl vom Steffen, bei uns nur Labern. Im Fantalk „EM-Späti“ regiert rauschige Ralforie: „Wer soll uns noch schlagen? I sog nur, Europameister Österreich!“ Das passt zum EM-Motto von ServusTV: „Alles machbar beim Nachbar.“