ZUM TAGE

Das Beste aus beiden Welten

von Redaktion

Geheimfavorit Österreich

Es kommt nicht so oft vor, dass ein Trainer nach dem sportlich größten Erfolg mit seiner Nationalmannschaft plötzlich über musikalische Vorlieben reden soll. Aber Ralf Rangnick ist nach dem überraschenden Gruppensieg auch keiner Frage abseits des Fußball ausgewichen. Bei ihm in der persönlichen Hitliste stehen ähnlich wie bei seinem Führungsspieler Marcel Sabitzer die Songs von Rainhard Fendrich gerade ganz vorne. ‚Der Klassiker „I Am von Austria“, natürlich, dazu ein Evergreen wie „Strada del Sole“. Dazu gefällt dem 65-Jährigen aber auch der Song „Hoch gwimmas (n)imma“ einer Austropop-Band, die seine Auswahl bereits auf dem ganzen Weg zur EM 2024 begleitet.

Die Komposition nimmt ein Halbzeit-Interview auf die Schippe, als Österreichs Nationalteam im März 1999 mal 0:9 in Spanien unterging. Zur Pause tätigte der Nationalspieler Toni Pfeffer beim Stand von 0:5 den legendären Ausspruch: „Hoch wern mas nimmer gwinnen!“ Übersetzt: Hoch werden wir nicht mehr gewinnen! Dass neben David Alaba und Konrad Laimer der Teamchef an dem Videoclip mitwirkte, ist bezeichnend. Die Protagonisten demonstrieren selbstironisch, dass die Zeiten vorbei sind, in denen ihr Nationalteam regelmäßig zum Gegenstand des Wiener Schmäh wurde.

Fast nebenbei hat Rangnick nach dem Sieg gegen die Niederlande im Berliner Olympiastadion angemerkt, er habe auch deshalb anfangs auf die Stützen Laimer oder Christoph Baumgartner wegen drohender Gelb-Sperre verzichtet, weil er ja gewusst habe, dass man zu 99,9 Prozent nicht mit 0:5 verlieren werde. Nimmer. Dieses Selbstverständnis hat einer implantiert, der von Manchester United kam und dem FC Bayern absagte. Rangnick hat alles richtig gemacht. Seine Person vereint in Österreich gerade 100 Prozent Zustimmung. Und manchmal ist Zuneigung unbezahlbar.

Seine Erfolgsformel beruht darauf, dass er sich von den Österreichern eine gewisse Lässigkeit abgeschaut und die einstige Verbissenheit aus Deutschland abgewöhnt hat. Wenn er darüber plaudert, dass er seinem „Non-Playing-Captain“ David Alaba kaum widersprechen könne, wenn dieser bereits einen freien Tag ausgerufen habe, sagt das viel. Der Projektleiter musste fast das Rentenalter erreichen, um öfter mal lange Leine zu lassen. Der Besuch eines Rod-Stewart-Konzerts oder der Badeausflug an den Schlachtensee sind nur die äußeren Belege dessen, was aus dem inneren Zirkel berichtet wird: Da führt ein Fußballlehrer das Beste aus beiden Nationen zusammen, zumal sein halber Kader ja ohnehin in Deutschland kickt. Seine Mannschaft gibt daher ein gutes Beispiel, wie zwei Nachbarländer voneinander profitieren können, wenn sie sich offen aufeinander einlassen.

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