Wenigstens am Lieblingsgerät: Am Barren traut sich Dauser bei Olympia Edelmetall zu. © Anspach/dpa
München – Das Straßenschild des Freistaates Bayern hatte für Lukas Dauser am Mittwoch befreiende Wirkung. In schlechten Zeiten zieht es einen ja gerne nach Hause – und schon in den ersten Stunden der langen Autofahrt in Richtung Unterhaching hatte der 31-Jährige für sich entschieden, dass es ab sofort vorbei sein soll mit den Trübsal blasen. Mit Blick auf die schwere Muskelverletzung, die er sich in der 2. Olympia-Qualifikation der Turner am vergangenen Wochenende am Oberarm zugezogen hat, sagt der Barren-Weltmeister zwar: „Es ist bitter, ich bin sehr traurig.“ Aber je länger das Gespräch dauert, je näher Dauser seinem Elternhaus kommt, desto mehr Kampfgeist hört man aus seinen Aussagen heraus.
„Ich muss es annehmen – und das Beste draus machen“, ist so ein Satz, den der Hachinger gegenüber unserer Zeitung äußert. Und wer die Karriere des Medaillenkandidaten von Paris verfolgt hat, weiß, dass Aufgeben auch nicht sein Ding ist. Die bittere Erfahrung eines Kreuzbandrisses hat Dauser machen müssen, als er 2017 auf dem ersten Höhepunkt seines Turnerlebens war; 2019, vor der Heim-WM in Stuttgart, brach ein Mittelhandknochen; und nun, vor jenem Ereignis, das seine Laufbahn eigentlich krönen sollte, folgte dieser Moment von Rüsselsheim, der in Dausers Kopf eine immer wiederkehrende Frage aufwirft: „Warum?“ Warum genau jetzt? Warum die Schulter, die nie Probleme gemacht hat? Warum an den sowieso so ungeliebten Ringen? Drei Tage hat er sich seit Samstag damit beschäftigt, Antworten zu finden. Vergeblich. Also nach vorne schauen – und „versuchen, es auszulöschen“.
Das fällt freilich leichter, je weniger die Schmerzen werden. Noch ist die Schulter geschwollen, noch ist Flüssigkeit im Gelenk. Sobald die Ärzte aber grünes Licht geben, wird Dauser Vollgas geben. Sogar Hans-Wilhelm Müller Wohlfahrt hat sich bei ihm gemeldet, um seine Hilfe anzubieten. In Absprache mit seinen Vertrauensärzten lehnte Dauser dankend ab.
Der Plan bis zum 27. Juli – jenem Tag, an dem die Kunstturner in Paris an die Geräte gehen – steht, die Behandlung inklusive Eigenblut-Therapie hat unmittelbar nach der Ankunft begonnen. Es wird eng, „normalerweise spricht man von sechs Wochen Ruhe nach so einer Verletzung“, sagt Dauser. Das ist freilich unmöglich, „weil in fünf Wochen Wettkampf ist“. Und zwar nicht irgendeiner.
Bis Dienstag ist Dauser in Unterhaching, ab 8. Juli geht es nach Kienbaum zur unmittelbaren Paris-Vorbereitung. Dauser spricht von „entscheidenden Wochen“ am Olympiastützpunkt. Am 17. Juli steht der ultimative Test an, bis dahin will und muss Deutschlands Bester entscheiden, ob er das Pariser Podium betreten kann. Er will auch „fair“ bleiben gegenüber den drei Ersatzturnern. So oder so aber ist ein Sechskampf – wie ursprünglich geplant – ausgeschlossen. Dauser hofft, „dass mich die Verletzung am Barren nicht so sehr beeinträchtigt“. Und kann er am Barren starten, „geht auch Boden“. Mehr ist unrealistisch.
Der DTB gibt ihm Vertrauen und Zeit, aus gutem Grund. Die 6.6 Punkte schwere Übung an seinem Paradegerät kann Dauser „im Schlaf“, sagt er, „auch ohne viel Vorbereitung“. Und obwohl er eigentlich noch vier Zehntelpunkte mehr in petto hätte (und damit die schwerste Übung der Welt), könnte auch das für die angestrebte Medaille reichen. Silber hat er 2020 schon gewonnen. Und nun ein Fabian-Hambüchen-Moment mit Gold als krönendem Abschluss? „Das wäre natürlich ein Traum.“
Dauser lacht, als er das sagt. Da merkt man wieder, wie gut die Heimat tut. „Jetzt geht‘s los“, sagt er, bevor er auflegt. Verbunden mit weisen Sportler-Worten: „Heilung fängt im Kopf an.“ HANNA RAIF