DFB-Boss Rettig hatte bei der EM schon viele schöne Erlebnisse. © dpa
Ohr an der Mannschaft: Andreas Rettig und Routinier Thomas Müller. © Gambarini/dpa
Herzogenaurach – Seit Mittwoch bittet Julian Nagelsmann wieder zum Training, der volle Fokus gilt dem Achtelfinale am Samstag in Dortmund gegen Dänemark. DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig (61) zieht im Interview mit unserer Zeitung eine Turnier-Zwischenbilanz und lobt die Arbeit des Bundestrainers.
Wie fällt Ihre bisherige Turnierbilanz aus?
Ich habe zehn Spiele, 25 Tore und zwei Flitzer live gesehen. Die vollste Bahn, in der ich war, war die S3 von Berlin Hauptbahnhof zum Olympiastadion mit beeindruckenden rivalisierenden Fangesängen der Polen und der Österreicher. In der längsten Bierschlange stand ich in Frankfurt. Die Wahrscheinlichkeit, dort zu dehydrieren, war am größten. Das schlechteste Wetter war sicherlich in Dortmund. Beim Weg zum Stadion bin ich pitschenass geworden, da stand das Wasser in den Schuhen. Der nachtragendste Fan hat mich in Stuttgart in einer Weinstube angesprochen, er kam aus Ungarn. Seine These war, dass sein Land 1954 keine Chance gegen unsere präparierten Stollen gehabt hätte.
Die Schotten müssen Ihnen doch auch gefallen haben?
Natürlich. Ich bin am Tag des Eröffnungsspiels früh morgens mit dem Zug von Köln nach München gefahren. Da habe ich sehr viel vom schottischen Liedgut mitbekommen, auch wenn einige morgens schon mit dem Kopf auf der Tischplatte lagen. Der Schaffner konnte jedenfalls nicht ohne gesundheitliches Risiko kontrollieren. Die Alkoholwolke in der Luft war beeindruckend.
Sie klingen wirklich begeistert.
Es überwiegen eindeutig die positiven, friedlichen und freundlichen Momente. Bisher bin ich rundum zufrieden. Natürlich gibt es Dinge, die verbessert werden können. Es waren keine schönen Bilder in Gelsenkirchen, als die Fans lange auf Bahnen am Stadion warten mussten.
Die Bahn steht in der Tat in der Kritik. Sind Sie auch schon im ICE-Chaos stecken geblieben?
Am Montag war ich auch deutlich zu spät, da habe ich es gerade noch rechtzeitig zum Medientreff nach Herzogenaurach geschafft. Ich habe mir aber auch angewöhnt, bei Reisen deutlich mehr Puffer einzuplanen. Trotz der Verspätungen bin ich weiterhin Fan von Bahn-Reisen. Teil meines Vertrags ist übrigens kein Dienstwagen, sondern eine Bahn-Card.
Wie fällt Ihre sportliche Bilanz zur Nationalmannschaft aus?
Ich sehe uns nicht ganz so gut, wie wir nach dem 5:1 gegen die Schotten gemacht wurden. Aber insgesamt können wir mit den gezeigten Leistungen zufrieden sein. Dass wir nach zwei Spielen schon im Achtelfinale waren, ist auch schon mal eine Aussage. Man hat aber gesehen im Spiel gegen die Schweiz, dass es nicht so einfach ist, gegen solche Mannschaften zu bestehen.
Wie bewerten Sie die Arbeit von Julian Nagelsmann?
Er hat mutige, gute Entscheidungen getroffen und hat jedem seine Rolle zugewiesen, die er auszufüllen hat. Hier weiß jeder, was er zu tun hat – auf dem Platz und daneben. Das merkt eine Mannschaft. Sie hat eine Orientierung und das schweißt zusammen, weil keiner enttäuscht ist. Der größte Anteil am bisherigen Abschneiden gebührt dem Trainerteam.
INTERVIEW: MANUEL BONKE