Mal wieder im Wartestand: Leroy Sané ist bei Turnieren zum Bankdrücker geworden. © IMAGO
Er ist einer, der hinter und durch die Abwehrketten gelangen kann: Leroy Sané verfügt über besonderes Potenzial. © dpa
Herzogenaurach – Training am Mittwochvormittag, ein paar Runden zum Einlaufen. Es gibt die, die sich auch hier vorne positionieren. Leroy Sanè bildet das Ende des 25-Mann-Felds. Wenn die Fitnesstrainer nun Tempo-Intervalle anordneten – er müsste an allen vorbeistürmen. Es gibt diese Momente, in denen Sané den Turbo anwirft. Immer wieder mal. Sein bislang letzter Moment war vor dreieinhalb Wochen beim Testspiel gegen die Ukraine. Szenenapplaus und wieder Hoffnung, dass er bei der EURO 2024 endlich sein Turnier spielen würde.
Seit fast neun Jahren ist Leroy Sané Nationalspieler und ein uneingelöstes Versprechen. Sein Debüt wurde überschattet von den Pariser Terrorattacken im November 2015. Im Sommer 2016 stand er vor der Wahl: EM oder zu Olympia nach Brasilien. Er hat ja diese spezielle Familiengeschichte: Der Vater Sammy Sané war Fußballprofi, die Mutter, Regina Weber, gewann 1984 Olympia-Bronze in der Rhythmischen Sportgymnastik. „Das EM-Turnier bewerte ich höher“, sagte Sané junior. Der damalige Bundestrainer Joachim Löw lobte ihn als außergewöhnlich: „Er schafft es, hinter die gegnerische Abwehrkette zu kommen.“ Von diesen Fähigkeiten macht Löw nur elf Minuten Gebrauch – im Halbfinale gegen Frankreich, als es längst verloren ist.
Den Confederations Cup 2017 in Russland sagt Sané von sich aus ab, er lässt sich an der Nase operieren. Für die WM 2018 wird er vom Trainer gestrichen. Löw reagiert auf das letzte Testländerspiel gegen Österreich und die Leistungen im Trainingslager. Leroy Sané hatte sich auf sein Prädikat „Bester junger Spieler in der Premier League“ verlassen. Teamkollege Ilkay Gündogan hatte ihn gewarnt: „Manchmal braucht Leroy einen Tritt in den Hintern.“
Sané bleibt Nationalspieler, Löw gibt ihm im Neuaufbau nach der WM einen Stammplatz. „Wir haben vorne drei schnelle Mopeds“, sagt er über Sané, Serge Gnabry und Timo Werner. Doch vor dem nächsten Turnier kommen noch ein Kreuzbandriss und der Wechsel zu den Bayern. Bei der EM 2021 hat Sané immerhin vier Einsätze, aber zweimal sind es nur drei und einmal 16 Minuten. Bei der WM in Katar spielt er 20 plus 90 Minuten, gegen Costa Rica bereitet er das Tor zum 4:2-Endstand vor. Sein einziger Scorerpunkt in einem Turnier.
Für die jetzige EM hielt Julian Nagelsmann ihm einen Platz im Kader frei. In der Bundesliga hatte Sané eine starke Hinrunde gehabt. Sané und Kane, das funktionierte, man glaubte, mit Thomas Tuchel habe ein Clubtrainer nun endlich was in ihm geweckt. In der Rückrunde bricht Sané ein. Er müht sich mit einer Schambeinentzündung und einem Rhythmus aus Schonung und Reizsetzung durch das Programm. Doch die Turnierbilanz: 27, 32, 14 Minuten, kein Einfluss aufs Spiel.
„Leroy hat anders trainiert, als er hierher kam – und er hat seine Qualität noch nicht gezeigt“, so sieht es Sportirektor Rudi Völler. Aber er glaubt, dass sich das Bild noch verändern kann, schon gegen Dänemark. „Wenn man Dribbler mit Geschwindigkeit einwechseln kann wie Chris Führich, Maxi Beier oder Leroy, werden beim Gegner die Antennen ausgefahren. Leroy kann eine große Waffe sein.“
Die Hoffnung läuft hinterher, sie hat den Anschluss ans Feld aber noch nicht verloren. GÜNTER KLEIN