Das DFB-Team am Scheideweg

von Redaktion

EM-K.o. gegen Dänemark würde deutschen Fußball erneut erschüttern

Beim Abschlusstraining in Herzogenaurach war Antonio Rüdiger dabei. © dpa/Federico Gambarini

Der Explosionsmoment soll nachwirken: Bringt Niclas Füllkrugs spätes 1:1 gegen die Schweiz den Schub für ein erfolgreiches Achtelfinale? © AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV

Dortmund – Als die Dänen den Einzug ins Achtelfinale perfekt gemacht hatten und wussten, dass am Samstag (21 Uhr, ZDF, Magenta TV) Deutschland der Gegner sein würde, sagte der Abwehrriese Jannik Vestergaard, bekannt aus sieben Jahren Bundesliga für Hoffenheim, Bremen und Mönchengladbach: „Da ist alles möglich.“ DFB-Sportdirektor Rudi Völler wurde tags darauf von deutschen Medien mit diesem Zitat konfrontiert, die Absicht war, ihm Empörung zu entlocken, eine kleine Gegenrede vielleicht, was das für eine Anmaßung sei. Aber Völler blieb ganz gelassen: „Das muss er ja sagen vor einem Achtelfinale. Und was soll er sich verstecken? Ich kenne den Trainer der Dänen (Kasper Hjulmand, d. Red.), er wird sie gut einstellen.“

Man behandelt Dänemark mit professioneller Wertschätzung und Freundlichkeit, aber schon aus dem Gefühl der eigenen Stärke heraus. Und es wirkt irgendwie unvorstellbar, dass das für Deutschland bisher grundpositiv verlaufene Turnier im bereits vierten Spiel abrupt enden könnte und all die Geschichten von der klaren Rollenverteilung, dem einmalig guten Betriebsklima und dem Übermaß an jungem Talent nur Fantasien und Wunschvorstellungen gewesen wären. Das Achtelfinale ist für Deutschland die Wegscheide des Turniers, der Punkt, an dem sich die Geschichte vorangegangener Events nicht wiederholen darf.

Bei der WM 2018 wähnte man sich nach dem Freistoßtor von Toni Kroos gegen Schweden befreit – und erstarrte gegen Südkorea. Bei der EM 2021 wurde Leon Goretzkas Ausgleich gegen Ungarn gefeiert – ehe man gegen England zurück im alten Trott war. Bei der WM 2022 glich Niclas Füllkrug gegen Spanien aus – und gegen Costa Rica war die alte Verunsicherung zurück im deutschen Spiel. Der mit der Brechstange erzielte Ausgleich am Sonntag gegen die Schweiz muss gegen Dänemark segensreich nachwirken – sonst kann man der deutschen Nationalmannschaft keinen Fortschritt attestieren.

Die Aufstellung wird sich verändern, weil Jonathan Tah gesperrt und Antonio Rüdiger angeschlagen ist (beim Abschlusstraining am Freitag stand er wieder mit auf dem Platz). Bundestrainer Julian Nagelsmann wird nur dort umstellen, wo er muss. Im Sturmzentrum sieht er Kai Havertz vor dem von der Öffentlichkeit geforderten Niclas Füllkrug. Gegen die Vestergaard-Kanten in der dänischen Abwehr bevorzugt er den kombinationssichereren und wendigeren Havertz – zu Füllkrug hat er sich dahingehend geäußert, „dass er Argumente für beides liefert: von Anfang an zu spielen oder eben als Joker“. Füllkrug tritt zumindest nach außen hin nicht fordernd auf: „Man muss Julian ein Kompliment machen, denn zweimal haben meine Einwechslungen funktioniert.“

„Den Matchplan kennen wir schon“, sagte Nico Schlotterbeck, der den Tah-Posten übernehmen wird. Der Dortmunder verriet einige Details: „Wir müssen bessere Räume finden als gegen die Schweiz, wollen so spielen wie in den letzten dreißig Minuten, da hatten wir sie komplett im Griff.“ Und noch so ein Satz: „Wenn du oft den Ball hast, kann nicht viel passieren.“ Angestrebt wird Dominanz, es sind die Daten dazu, aus denen Julian Nagelsmann nach den Spielen am liebsten zitiert. Anteil der gewonnenen Zweikämpfe oder noch besser der Ballbesitz: 68 Prozent gegen Schottland, 63 Prozent gegen Ungarn, 62 gegen die Schweiz. „Hausaufgaben machen“, fordert Rudi Völler – und nicht zu weit vorausschauen, „denn das gab‘s früher auch nicht.“ Daher waren jegliche Kommentare zum sich anbahnenden Viertelfinale gegen Spanien verpönt. Nur eine Bemerkung: „Spanien hat im Achtelfinale auch kein Freilos.“ GÜNTER KLEIN

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