Warum von Spaniens Lamine Yamal reden? Deutschland hat Jamal Musiala (r.). Er erzielte beim EM-Turnier schon drei Tore. © imago
Hat er den Masterplan, um Spanien zu knacken? Bundestrainer Julian Nagelsmann. © IMAGO/Mika Volkmann
Stuttgart – Platz 16, hinter Mexiko, vor Japan – das ist die Realität. So steht es in der Weltrangliste der FIFA geschrieben. Die vergangenen eineinhalb Jahre war Deutschland mathematisch ein wenig benachteiligt, weil es keine Qualifikationsspiele hatte und Testbegegnungen nicht so hoch zählten. Doch selbst mit einem gnädigeren Koeffizienten triebe man sich allenfalls in der Preisklasse Uruguay (14.), Marokko, Kolumbien (beide auf 12) und den USA (11.) herum – und würde irgendwer behaupten, das seien Weltklasse-Teams? In die Weltmeisterschaft 2018 war der DFB noch als Führender des großen FIFA-Rankings gegangen, danach erfolgte der Absturz auf 16, und beim Wiederaufstieg ging es nie mehr höher als auf Platz 11.
Häufig wird die Weltrangliste abgetan als FIFA-Bürokratie, und als Rudi Völler nach der WM 2022 sein Comeback im Fußball gab als Sportdirektor beim Deutschen Fußball-Bund, redete er den Personalbestand der Nationalmannschaft erst mal hoch in Richtung der Spitze und des Weltmeisters. „Nicht viel schlechter“ als Argentinien sei man besetzt gewesen, hätte mit etwas mehr Glück (und weniger Politik) im Turnier im Wüstenstaat weit kommen können. Das Jahr 2023 widerlegte Völler indes: Auch ihre Freundschaftsspiele gewann die Mannschaft unter Hansi Flick kaum noch. Nach dem 1:4 gegen Japan im September kam es zu etwas nie Dagewesenem: Entlassung eines Bundestrainers wegen Erfolglosigkeit in Nichtpflichtspielen. Von Weltklasse sprach niemand mehr. Man verkniff es sich auch unter Julian Nagelsmann angesichts von Niederlagen gegen Türkei und Österreich.
Doch nun sind der Begriff und der Anspruch wieder präsent. Sollte die DFB-Elf heute (18 Uhr) in Stuttgart die bisher so überzeugend auftretenden Spanier besiegen und ins Halbfinale der Europameisterschaft 2024 einziehen, wäre sie zurück im großen Fußball. Ausgerechnet mit diesem Provisorium einer Nationalmannschaft, das Julian Nagelsmann nur für dieses Turnier gebaut hat. Dann hätte dieses Team binnen weniger Monate nicht nur Frankreich (sogar zweimal) und die Niederlande in Freundschaftsbegegnungen, sondern Spanien, wenn es darauf ankommt, geschlagen. Das würde auch die gute internationale Vorarbeit der Clubteams Leverkusen (Finale der Europa League) und Dortmund (im Endspiel der Champions League) bestätigen.
Es ist natürlich das Szenario denkbar, dass Deutschland ein anständiges Spiel macht, dennoch verliert, aber in Stuttgart eine Anerkennungsrunde laufen muss und von seinem Publikum dafür gefeiert wird, drei schöne Turnierwochen geliefert zu haben. Das wäre es, was Julian Nagelsmann beschrieben hat, als er vor der EM sagte, man wolle „begeistern, und dann kann es auch ein gutes Turnier gewesen sein kann, wenn man im Viertelfinale ausscheidet“. Andererseits erreicht man ein Viertelfinale nicht, um den Gedanken an die nächste Runde auszuklammern, sondern das Halbfinale zu erreichen. Toni Kroos, der im März zurückkehrte, glaubt eine Entwicklung zu erkennen in den vergangenen Monaten. Es war ja die Frage gewesen, ob er Real-Madrid-Mentalität in die deutsche Nationalmannschaft tragen könne. Jetzt sagt er: „Du kannst es vorleben, aber nicht direkt übermitteln. Man muss es fühlen und erleben, doch dadurch, dass wir schwierige Situationen überstanden haben, ist der Glaube extrem gewachsen.“
Und so wird optimistisch verglichen. Ja, Spanien hat auf den Flügeln zwei Wunderkinder, Williams und Yamal, doch Deutschland ist vorne mit Musiala und Wirtz auch spektakulär besetzt. Rodri ist Spaniens Stratege und laut Ilkay Gündogan „der weltbeste holding midfielder“ – aber es gebe, so Ilkay Gündogan, „Mittel, ihn zum Nachdenken zu bringen“. Und man setzt Toni Kroos dagegen.
Spanien ist übrigens nur Achter der Weltrangliste. Gar nicht so weit weg vom Sechzehnten – der auch noch Heimvorteil hat. Die neue Liste erscheint am 18. Juli. Nach der EM, mit der EM. GÜNTER KLEIN