TAGEBUCH

Thomas Müller – der Bariton der Mixed Zone

von Redaktion

Die sogenannte Mixed Zone ist ein sehr spezieller Ort im Sport und auch bei dieser Fußball-EM. Es ist der Bereich, durch den die Protagonisten das Stadion verlassen und dabei idealerweise den Medien Interviews geben (oder wie ein großer Kollege das mal formulierte: Wortspenden hinterlassen). Mixed Zonen sind in der Regel keine heimeligen Orte. Sie haben Keller-Ambiente, und wenn sie voller Menschen sind, heizen sie schnell auf.

Wer für ein Interview am begehrenswertesten ist, das entscheidet sich durch die Geschichte des Spiels. Jedenfalls: Um manche Spieler herum kann ein ziemliches Gedränge entstehen. So eng wird es dabei, dass das klassische Mitschreiben mangels Platz für den Block vor dem Leib nicht mehr möglich ist. Darum nimmt man auf. Früher mit Diktiergeräten, heute übernehmen Smartphones diesen Dienst. Es ist dann stets spannend, ob man auch etwas hört, wenn man die Aufnahme abspielt. Das hängt ab von der Position und Entfernung, die man selbst einnimmt – aber auch von der Stimme des Spielers.

An dieser Stelle muss eine Lanze für Thomas Müller gebrochen werden. Er hat eine der besten Mixed-Zonen-Stimme in der Geschichte des deutschen Fußballs. Ein klarer Bariton, der sich über jeden Teppich aus menschlichem Gemurmel und mechanischen Störgeräuschen legt. Müller bringt seine Töne zum Schweben, er paraphrasiert, er teilt seine Texte ein in griffige Aussagen und – markiert durch die Stimmlage – begleitenden Witz ein. In München nach dem Auftaktspiel gegen Schottland sagte er mit Blick auf das Treiben und die ihn ereilenden Zurufe: „Das ist ja wie bei einem Bieterverfahren auf der Pferdeauktion.“ Leider hat Müller seitdem keinen Einsatz mehr bekommen.

Niclas Füllkrug ist auch beliebt in der Mixed Zone. Er redet immer, ist nicht schon mit einer Körperhälfte in der Weiterbewegung. Mitschreiben wäre unmöglich, „Fülle“ spricht erstaunlich schnell. Joshua Kimmich merkt man die Erfahrung aus dem Filmgeschäft an: die ZDF-Dokumentationen, die ARD-Tatorte – es ist bei ihm ein Automatismus, dass er vor der Kamera das Stimmvolumen hochdreht. Leroy Sané als Bass könnte ein Star der Mixed Zone sein, wenn er wollte. Auch hier warten wir auf seinen Durchbruch.

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