„Warum sollten sie sich fürchten?“ Hitzlsperger über die deutsche Abwehr um Tah und Rüdiger. © IMAGO
München – Im EM-Finale 2008 gegen Spanien (0:1) stand Thomas Hitzlsperger in der Startelf, am Freitagabend steht er beim Viertelfinale in Stuttgart als Experte am Rasenrand. Aber auch darüber hinaus sind die Vorzeichen vor dem Duell der deutschen mit der spanischen Nationalmannschaft andere als noch vor 16 Jahren. Im Interview erzählt der 42-Jährige, warum er der DFB-Elf zutraut, den „Spanien-Fluch“ zu beenden.
Herr Hitzlsperger, Ihr Vor-Turnier-Tipp auf den Europameister war Frankreich. Bleiben Sie dabei?
Ja. Wahrscheinlich würden mich gerade nicht viele bestätigen nach den Leistungen, die sie gezeigt haben. Aber sie sind noch dabei. Also: Passt (lacht)! Trotzdem finde ich, dass die Bezeichnung „vorgezogenes Finale“ auf die Partie Deutschland gegen Spanien passt. Spielerisch sind das für mich die aktuell stärksten Teams.
Wer hat mehr Respekt?
Die Aussagen aus Spanien sind schon sehr selbstsicher, das finde ich bemerkenswert. Die scheinen gar keine Zweifel zu haben. Und trotzdem stimme ich Joshua Kimmich zu, wenn er sagt, dass die Spanier sich auch nicht gerade freuen, den Gastgeber als Gegner zu bekommen. Der Respekt ist auf beiden Seiten vorhanden.
Wie viel Gewicht darf man im Fußball der Geschichte zukommen lassen? Also: dem letzten Pflichtspielsieg vor 36 Jahren.
Für mich ist so etwas irrelevant, entscheidend ist ja immer die aktuelle Leistungskurve. Was in den vergangenen 30 Jahren passiert ist, hat mit dem Spiel, mit dem Turnier nichts zu tun. Es ist schön für die Statistiker, mehr aber auch nicht. Vielmehr interessiert: Wer spielt? Wer ist fit? Welchen Einfluss hat das Publikum auf die Mannschaft?
Diesem „Fluch“ sind schon Sie hinterhergelaufen, 2008, also als es „erst“ 20 Jahre ohne Sieg waren. Denkt man auch als Ex-Spieler aktuell viel an das verlorene EM-Finale 2008 zurück – oder ist das ein Reflex der Medien?
Es wird viel darüber geredet, also ist es auch für mich aktuell präsent. Die Spanier waren zwischen 2008 und 2012 einfach das Non-Plus-Ultra. Jetzt sind sie zwar wieder in einer ähnlich guten Verfassung, aber ich finde nicht, dass die deutsche Mannschaft sich verstecken muss. Sie haben es bisher gut gemacht und haben eine realistische Chance, ins Halbfinale einzuziehen.
Auch 2008 hatte man nicht die beste Mannschaft, trotzdem hatte jeder Gegner Respekt. Ist das heute wieder so?
Der Fußball in Deutschland hat sich verändert. Der Respekt ist aber nach wie vor da und wurde durch die Leistungen bei der EURO immer größer. Deutschland ist vor zehn Jahren Weltmeister geworden, weil Jogi Löw und sein Team einen klaren Plan hatten und kompromisslos waren. Schon in den Jahren davor wurden die Ausbildungsschwerpunkte auf Technik und Taktik gelegt. Davon hat die Nationalmannschaft profitiert.
Haben Sie noch Schlüsselmomente aus dem Endspiel im Kopf?
Keinen bestimmten, aber die Spanier waren einfach individuell brutal gut. Da waren Xavi, Iniesta, Puyol, vorne Torres, Casillas im Tor. Und ich habe einfach auf dem Platz gespürt, dass sie gar keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie einfach wahnsinnig stark sind. Das aber nicht in einer Überheblichkeit, sondern in einer sportlichen Überlegenheit, die einfach beeindruckend war.
Woran ist die deutsche Mannschaft damals gescheitert: Am Kopf – oder an den Beinen?
An den Beinen. Im Kopf hatten wir das traditionelle Credo: Wir sind Deutschland, wir sind eine Turniermannschaft, wir kommen weit. Die Beine aber waren nicht in der Lage, mit den guten Beinen der Spanier zu konkurrieren. Das Ergebnis war knapp, aber spielerisch hat man gemerkt, dass Spanien über viele Jahre mit Toptalenten etwas aufgebaut hat. Das war schwer zu besiegen.
Verfolgt Torres Sie manchmal noch in schlechten Träumen?
Es wäre wunderschön gewesen, Europameister zu sein. Aber man muss anerkennen, wenn jemand überlegen ist.
Oder träumen Sie lieber von Ihrem Traum-Pass, der zu Lahms Treffer und somit ins Finale führte?
Das ist zumindest der schönere Traum (lacht). Aber während des Turniers träume ich mehr vom nächsten Spiel, das ich kommentiere. Das will ich nämlich gut machen, das kann ich beeinflussen.
Sie sagten mal, Spanien war damals „sensationell“ – was ist die spanische Mannschaft heute?
Erinnern wir uns an die letzte WM. Da sagten alle, wer soll diese Spanier schlagen? Und dann sind sie früh rausgeflogen. Das heißt, dass es durchaus passieren kann, dass die Dominanz, der viele Ballbesitz am Ende nicht zu Toren führt. Das ist immer noch Teil des spanischen Spiels. Deshalb sollten wir auch nicht sagen, wir haben keine Chance. Respekt darf man haben, aber die sind nicht unschlagbar. Auch wir haben in dem Turnier schon viele gute Momente gehabt.
Kann man Manuel Neuer unterschreiben, wenn er sagt: „Wir sind reif für den Titel.“
Ja klar! Und gerade Manuel Neuer war im Vorfeld Gegenstand einer Diskussion. Er hat aber bisher keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass er immer noch einer der besten Torhüter der Welt ist.
Wie Kroos und Müller fehlt auch ihm dieser eine Titel in der Sammlung…
Es gibt einige, die schon so viele Titel haben – und den einen nicht. Für sie und alle deutschen Fans wäre es die Krönung, wenn es jetzt klappt.
Die Frage aller Fragen: Jamal oder Yamal?
Da bin ich Patriot und sage: Jamal Musiala. Und dennoch ist es bemerkenswert, wie man mit 16 Jahren so Fußball spielen kann.
Oder sollten wir eher über die deutsche Defensive reden? Sie wird gefordert sein…
Ich gehe davon aus, dass Jonathan Tah spielt. Dann haben wir einen, der eine super Bundesliga-Saison hinter sich hat, und dazu in Antonio Rüdiger einen Champions-League-Sieger. Joshua Kimmich ist schon so lange auf höchstem Niveau, auch David Raum kennt das. Warum sollten die sich fürchten? Die haben in ihrer Karriere schon genug gute Gegenspieler gehabt. Vor dieser Herausforderung werden sie nicht nervös werden.
Also Zeit für ein neues Kapitel der deutsch-spanischen Fußball-Geschichte?
So ist es. Ob es 36 Jahre lang dauert, sei mal dahingestellt. Aber es wäre definitiv der richtige Moment!
INTERVIEW: HANNA RAIF