„Die Engländer zahlen die Quittung“

von Redaktion

Michael Reschke über zu hohe Belastung, bombastische Stimmung und den Irrsinn Club-WM

Hat zu knabbern: Kane und England fällt die EM bisher schwer. Reschke sieht überspielte Profis. © IMAGO

Fachmann: Ex-Bundesliga-Manager Reschke. © IMAGO

Köln – Der langjährige Bundesliga-Manager Michael Reschke über das Niveau dieser EM, den Nachteil für Spieler aus der Premier League, das Turnier als Wechselbörse und den Einfluss der Trainer für das Viertelfinale Deutschland gegen Spanien

Sie wohnen in der Nähe des Kölner Stadions und haben sich mehrere EM-Spiele angeschaut. Welchen Eindruck haben Sie von dem Turnier?

Ich habe zahlreiche Welt- und Europameisterschaften, auch die Copa America und Olympische Spiele gesehen: Dieses Turnier ist von der Stimmung sicherlich eines der besten. Die internationalen Fans sind sensationell, ob das nun die Schotten, Rumänen, Georgier, Dänen oder Niederländer waren. Sehr belebend für das Turnier und auch gut für unser Land. Vielleicht erwächst daraus wieder mehr gegenseitiges Verständnis in Europa.

Was sagen Sie zum fußballerischen Niveau der EURO?

Wenn ich das mit den K.o.-Spielen der Champions League vergleiche: Begegnungen auf diesem Niveau sind bislang die Ausnahme. An das höchste Level der Königsklasse kommt die EM bislang nicht heran.

Die Topvereine in Europa kaufen sich im Grunde eine Art Weltauswahl zusammen, die dann noch eingespielt ist.

Ja. Top zusammengestellte Kader, die auch noch das ganze Jahr miteinander trainieren, heben sich inzwischen selbst von den besten Nationalmannschaften ab. Und: Nach einer strapaziösen Saison noch mal ein sehr belastendes Turnier zu bestreiten ist für viele Spitzenspieler eine Grenzbelastung. Darunter leidet die Qualität – das kann selbst die Leidenschaft fürs Nationalteam nicht wettmachen.

Ihre Agentur betreut viele englische Nationalspieler. Ist das auch die Erklärung für deren enttäuschende Auftritte?

Die Premier League ist die härteste Liga der Welt. Manchester City muss selbst bei Luton Town Vollgas geben, um zu gewinnen. Und hinzu kommen sogar noch gleich zwei Pokalwettbewerbe. Viele in England spielende Profis – auch portugiesische oder französische Nationalspieler – gehen gerade auf dem Zahnfleisch. Sie sind die am höchsten belasteten Akteure. Italien und Spanien haben zwar auch eine 20er-Liga, aber die Quittung für die extremen Belastungen bezahlen in erster Linie die Engländer.

Die UEFA überlegt, mit 32 Mannschaften eine EM zu spielen.

Eine EM mit den 32 sehe ich total positiv. Kein Spieler muss in einem sinnvollen Modus dann mehr Partien bestreiten. Demgegenüber haben noch mehr kleine Nationen die Chance, bei einem solchen Event dabei zu sein. Georgien, Albanien, die Slowakei und Slowenien haben die EM total belebt. Die Club-WM im nächsten Sommer sehe ich hingegen als grenzwertig an. Wahnsinn! Wann sollen die Spitzenspieler überhaupt mal durchatmen?

Welche Mannschaft hat Ihnen am meisten gefallen?

Eindeutig die Spanier. Als die Georgier das 1:0 geschossen haben, habe ich meiner Freundin gesagt: ‚Dann geht’s 4:1 aus‘ (lacht). Bei allem Respekt für die aufopferungsvoll kämpfenden Georgier, sie hatte nie eine Chance. Super gefallen hat mir wieder Rodri. Aktuell einer der besten Spieler der Welt.


INTERVIEW: FRANK HELLMANN

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