Cucurellas Arm war beim Schuss von Musiala weit ausgestreckt, Schiri Taylor gab aber keinen Elfer. © Weller/dpa
Stuttgart/Herzogenaurach – Am Samstagmittag beschloss Julian Nagelsmann das Thema, das ihn und die Fans nach dem verlorenen Viertelfinale gegen Spanien so sehr aufgewühlt hatte: Wie die Handspielregel auszulegen ist, warum Video-Schiedsrichter mal eingreifen und dann wieder nicht, wie man die Unnatürlichkeit einer Körperhaltung definiert und so weiter und so fort. Ende der Diskussionen, denn: „Ein Wiederholungsspiel kriegen wir nicht.“
Sportdirektor Rudi Völler und Co-Trainer Sandro Wagner hatten im Nachgang des Spiels in Stuttgart noch versucht, Informationen zu erhalten zur strittigen Szene in der Verlängerung, als Jamal Musiala wuchtig abzog und der Ball die linke Hand des spanischen Verteidigers Marc Cucurella traf. Der englische Schiedsrichter Anthony Taylor reagierte darauf nicht mit dem erwarteten und von deutscher Seite heftig eingeforderten Pfiff und dem Deuten auf den Elfmeterpunkt – und auch aus der VAR-Zentrale kam nichts. „Das Handspiel war sicher keine Absicht“, sagte Nagelsmann in Stuttgart, tags darauf in Herzogenaurach fügte er an: „Nah am Körper war die Hand sicher nicht. Informationen, warum die Szene nicht angeschaut wurde, haben wir nicht bekommen. Valide ist das alles nicht. Ich würde mir wünschen, dass die Schiedsrichter mehr anschauen.“
Cucurella reagierte mit Humor. Er sei Spieler, sagte der 25-Jährige am Sonntag. „Wenn die Schiedsrichter sagen, es ist kein Handspiel, dann respektiere ich das als Spieler natürlich“, erklärte Cucurella und lachte. Dann ergänzte er:„Ich verstehe, dass es sich um eine etwas zweifelhafte Aktion handelt. Aber ich denke, wenn Deutschland gewonnen hätte, hätte man nicht darüber gesprochen.“
Nagelsmann bringt einen Vorschlag ein in das Gestrüpp des Handspiels aus Absicht, Vergrößerung der Körperfläche, unnatürlicher Körperhaltung: Der Bundestrainer ist für eine Ausweitung beim Einsatz technischer Hilfsmittel in der Entscheidungsfindung. „Ich verstehe das nicht“, führte er aus, „wir haben Roboter, die uns Kaffee bringen – dann wird es doch auch möglich sein, mit einer KI zu berechnen, wo ein Ball runterkommt.“ Seine Vorstellung: Geahndet werden sollte ein unabsichtliches und nicht zu verhinderndes Handspiel, wenn dadurch ein Schuss geblockt wird, der aufs Tor gegangen wäre. Der Spanier Dani Olmo fand es natürlich richtig, dass kein Pfiff erfolgte: „Vor der EM wurden wir informiert, dass eine natürliche Handbewegung nicht zu einem Elfmeter führt. Der Schiedsrichter hat nicht gepfiffen, weil es kein Elfmeter war.“
„Die Linie der UEFA versteht keiner mehr“, sagt dazu Bernd Heynemann im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Ex-FIFA-Schiedsrichter kritisiert außerdem, dass Taylor sich die Situation nicht noch mal angeschaut hat. „Wenn sich jemand mit dem ganzen Körper in einen Schuss wirft, will er den Ball abblocken. Kommt er dann an die Hand, ist es Elfmeter.“
Und weiter: „Warum haben wir diese teure Technik, wenn der Schiri sie in so einer wichtigen Situation nicht benutzt? Man hätte zumindest überprüfen müssen, ob die Entscheidung richtig war. So ist der VAR keine sinnvolle Hilfe, sondern nur eine Alibi-Technik der UEFA.“
Mit der offiziellen Begründung, dass Cucurella den Arm zum Körper zieht und somit keine aktive Vergrößerung der Körperfläche entstanden ist, kann Heynemann nichts anfangen: „Dieser Begriff ist auch ein Witz. Was soll denn eine Vergrößerung der Körperfläche sein? Wenn ich ein Segel spanne, ist die Fläche immer gleich groß – egal, in welche Richtung ich es drehe.“
GÜK, VT