Der Schwur am Tag danach

von Redaktion

Im tränenreichen EM-Ende denkt das deutsche Team an die WM 2026

Antreten zur Bilanz-Pressekonferenz: Nagelsmann, Rudi Völler und DFB-Präsident Bernd Neuendorf. © dpa/Christian Charisius

Die letzte Rückkehr ins Quartier: Nachts in Herzogenaurach warteten Fans auf die Nationalmannschaft. © dpa/Federico Gambarini

Stuttgart/Herzogenaurach – Julian Nagelsmann war kein junger Trainer mehr am Tag danach. Hinter ihm lag eine Busfahrt von Stuttgart zurück ins Quartier nach Herzogenaurach, auf der die Spieler immer wieder sagten: „Ach, könnten wir die letzten fünf Minuten doch noch mal spielen.“ Im Homeground saßen sie noch länger zusammen, Nagelsmann selbst wählte schließlich den Rückzug aufs Zimmer, um sich „mit fachlichen Inhalten zu beschäftigen, um die Emotionen wegzuschieben“. Am Morgen dann ein letztes Teamtreffen, bei dem auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf dabei war, schließlich wurde die Mannschaft verabschiedet. Ilkay Gündogan nahm die Kapitänsrolle wahr und fuhr als Letzter. Er sagte zu Nagelsmann: „Bis bald.“

Der Bundestrainer musste noch ein paar Stunden bleiben, Bilanz ziehen vor den Medien. Seine Augen waren gerötet, und wenn er anhob, etwas zu sagen, klang seine Stimme brüchig. „Es ist selten vorgekommen, dass alle Spieler das Camp mit Tränen in den Augen verlassen haben“, fasste er zusammen. Und er selbst war auch durch, trotz seiner vergleichsweisen Jugend von 36 Jahren. Das Turnier hatte ihn ausgelaugt mit „Peaks in beiden Richtungen, von großer Freude in der 89. Minute“ – da glich sein Team das Viertelfinale gegen Spanien aus – „bis zur Trauer“. Als es vorbei war, mit dem Gegentreffer am Ende der Verlängerung. „Brutale Emotionskracher von den Spielverläufen“ hatte Turnierdebütant Nagelsmann erlebt, er schloss in dieses Urteil die Partien gegen Schweiz (1:1) und Dänemark (2:0) ein, „das macht was mit dem Körper.“ Auch er braucht jetzt eine Pause.

In dieser Stunde des Auseinandergehens und etwas Beendens ging, getrieben vom bisschen Rest an Energie und Trotz, der Blick auch voraus. Man war sich einig: Man will diese Geschichte wieder aufnehmen und fortführen – ein Vorsatz, der sich erst durch dieses Turniererlebnis ergab. Julian Nagelsmann hatte zunächst ja nur ein Team gebaut, das für diese EM funktionieren sollte – über eine klare Rollenverteilung, Zwischenmenschlichkeit, Empathie, Emotionalität. „Nicht zwingend die besten Spieler, sondern die, die am besten zusammenpassen“, hatte er ausgewählt, es wirkte wie eine Notmaßnahme, ein letzter Versuch eines Trainers vom Typ Feuerwehrmann, der gegen den Abstieg anspielt. Am Freitagabend in Stuttgart hatte der Bundestrainer noch geklungen, als habe er einen Umbruch im Sinn: „Unser Kader ist nicht extrem jung, wir müssen uns Gedanken machen, was für die Nations League in acht Wochen das Beste ist. Da wird sich im Kader sicher was verändern.“ Am Samstagmittag formulierte er die personell-konzeptionelle Kehrtwende: „Es ergibt keinen Sinn, den Kader komplett durchzuwürfeln. Wir haben einen Stock von Spielern, die 26, 27, 28 sind.“

Bis jetzt wisse man definitiv nur von Toni Kroos, dass er nicht mehr dabei sein werde, „eins zu eins ist er nicht zu ersetzen, dafür ist seine Wertigkeit zu hoch“, auf der Position des Gestalters aus der Tiefe des Raums sieht Nagelsmann den vor der EM erkrankten Aleksandar Pavlovic (20), den Stuttgarter Angelo Stiller (23) und trotz der bereits 33 Jahre England-Legionär Pascal Groß. Verändern müsse man „nur taktische Nuancen“, die Mannschaft könne sich weiterentwickeln. Er will den Spirit der EM hinübernehmen in Nations League (Gegner: Niederlande, Ungarn, Bosnien) und die Qualifikation für die WM 2026. Er hat auch schon gesagt: „Das Fiese an meinem Job ist, dass man zwei Jahre warten muss, bis wir Weltmeister werden.“ Sportdirektor Rudi Völler: „Wir haben versucht, uns an die Weltspitze heranzuspielen, das ist uns gelungen.“ Für ihn als alten Hasen war das Klima im Team beeindruckend: „Das ist oft gespielt oder scheinheilig. Hier habe ich es genossen.“ Völlers Schlusswort: „Wir haben uns in der letzten Sitzung geschworen, genau so weiterzumachen.“
GÜNTER KLEIN

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