TAGEBUCH

Die verpasste Chance der EM: Kirsch-Julsi

von Redaktion

Am Samstag ein letztes Mal Herzogenaurach. Nach der dritten längeren Strecke hier (EM 2021, Nations League 2022) bin ich Halb-Einheimischer und sage „Herzo“. Nun hieß es Abschied nehmen. Von den Störchen, die auf den alten Häusern und den Kirchen ihre Nester gebaut haben, von den Outlets und dem Extra-Rabatt für EM-Journalisten, der geholfen hat, einige Weihnachtsgeschenkfragen schon im Sommer zu klären, von den Kaffeeautomaten im Pressezentrum, von der angenehmen Spannung, die sich aufbaute, wenn man sich dem Raum „Catering“ näherte. Und – das wird das härteste Goodby – vom Obststand am Ortsrand kurz vor der Autobahn.

Der wurde häufig aufgesucht. Auch weil den Autor dieser Kolumne die Erinnerung an besondere Zeiten überkam. Nämlich die, als auch die deutsche Milchwirtschaft bei den großen Fußballturnieren einstieg. Zur WM 1998 brachte sie das Rezept für den „Erdbeer-Berti“ auf den Markt, einen Shake aus Erdbeeren, Joghurt mit 1,5 Prozent Fettgehalt und Honig. Das in den Mixer – ein Traum. Das wahre Sommermärchen, wenn auch nicht für Berti Vogts als Bundestrainer. Doch in unserem Haushalt überdauert der „Erdbeer-Berti“ alles, bis heute.

Nachfolgefußballturniergetränk der deutschen Milchwirtschaft war der „Aprikosen-Rudi“, er begleitete 2002 Rudi Völlers Wirken als Teamchef. Leider kam danach nichts mehr. Kein Johannisbeer-Jürgen, kein Zwetschgen-Jogi, kein Himbeer-Hansi (aber Flick hatte eine Winter-WM, das wären dann eingefrorene und aufgetaute Früchte gewesen – unökologisch, reizlos).

Unser Herzogenauracher Obststand brillierte mit seinen Kirschen. Fränkische Kirschen sind mit ihrer dunklen Farbe der Geheimtipp in der Kategorie Steinobst/Rosengewächse. Sie stehen in harter Konkurrenz zur Bodenseekirsche. Das Sensationelle an den Herzkirschen von Herzo war ihr Preis: 7,50 Euro für das Kilo. Der Segen des Direktvertriebs.

Die deutsche Milchwirtschaft hat eine Chance verpasst: Die Nationalmannschaft in Franken – und das Milchmixgetränk dazu: der Kirsch-Julsi. Oder jetzt noch besser: der Sauerkirsch-Julian.

Auf Wiedersehen, Herzo. Du bist draußen, aber Lebbe geht weiter. EM und Tagebuch auch.

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