Mehr Vereinsleben, weniger Individualismus

von Redaktion

Mannschaft mit viel Identifikationsfläche – Flammender Appell von Julian Nagelsmann

„Ja, es gibt Probleme, aber auch Lösungen“: Bundestrainer Nagelsmann mit DFB-Präsident Neuendorf. © dpa/Federico Gambarini

Herzogenaurach – Der deutsche Liebling gemäß Beflockungen der Fan-Trikots: Jamal Musiala. Der Spieler, der etwas auslöste beim Publikum, sobald er den Schritt zur Einwechslung tat: Niclas Füllkrug. Und hoch angesehen auch Antonio Rüdiger, obwohl er in der finalen spanischen Szene nicht komplett im Bilde war. Früher hätte das eine rassistische Hasswelle in den Sozialen Medien nach sich gezogen – diesmal jedoch gab es nichts als Anerkennung für den Verteidiger, der bereit war, jeden Schmerz im Dienste des Landes zu ertragen; er wurde nach zehn Jahren, die er mittlerweile Nationalspieler ist, zur kleinen Kultfigur.

Dass das EM-Turnier im Viertelfinale endete, führte nicht zu den üblichen Identifikationsdebatten (wie etwa nach der EM 2012, als die DFB-Elf erst das Halbfinale verlor). Die Mannschaft wurde gefeiert. Sie war bunt, und sie bot Identifikationsfläche. „Sie hat Emotionen ausgelöst, ihr Auftritt wurde wohlwollend gesehen“, resümierte DFB-Präsident Bernd Neuendorf. „Das hat man die letzten Jahre nicht oft erlebt, dass das ganze Stadion die Nationalhymne anstimmt.“

Alles, was den Anschein hatte, in eine politische Diskussion zu münden, hatte der DFB versucht zu umschiffen, er bezog vor EM-Beginn klar Stellung zu der unglücklich formulierten WDR-Umfrage, wonach 21 Prozent sich eine „weißere Nationalmannschaft“ wünschten. Julian Nagelsmann und Joshua Kimmich räumten das Thema ab, es kam danach nicht wieder auf. DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig fuhr vor dem Dortmunder Achtelfinale gegen Dänemark nach Essen, um mit Zehntausenden gegen den AfD-Parteitag zu protestieren, hängte das aber nicht an die große Glocke, erzählte davon lediglich in einem Podcast. Doch als die EM für die Deutschen beendet war, mussten schon ein paar bilanzierende Worte sein, was die gesellschaftspolitische Wirkung der Veranstaltung und des deutschen Auftretens betrifft. Aber es wurde nicht zur Belehrung, was Bundestrainer Julian Nagelsmann mit noch leicht geröteten Augen am Tag nach dem Viertelfinal-Aus sagte, sondern zum Appell. Für mehr Gemeinsamkeit, Zuversicht, Tatkraft.

Er fand, dass die Nationalmannschaft guten Teamspirit vorgelebt habe. Und den solle man gerne verstehen als Beispiel dafür, dass Agieren in der Gemeinschaft mehr bringt. „Ich kenne niemanden, der es alleine geschafft hätte, besser zu werden und schneller und weiter zu kommen“, sagte Nagelsmann. Übertragen von einer Fußball-Europameisterschaft auf ein ganz normales deutsches Wohnviertel: „Wenn ich dem Nachbarn helfe, seine Hecke zu schneiden, wird er schneller fertig als alleine.“ In seiner Wahrnehmung habe sich ein ausufernder Individualismus breit gemacht. „Das Posting, um sich selbst darzustellen, ist wichtiger geworden als die Gemeinschaft. Wir waren lange Zeit eine Gesellschaft der Vereine – Sport-, Musik-, Trachtenverein –, heute steht man lieber allein am Bergsee und macht ein Instagram-Foto.“

Und, so monierte Julian Nagelsmann: Ihn verstöre die Schwarzmalerei im Lande, das Fingerzeigen auf Politiker, ihr Abqualifizieren als unfähig und Diskussionen, die nur die Problematik in den Mittelpunkt stellen. „Ja, wir haben Probleme“, sagt der Fußballlehrer, „aber es gibt auch Lösungen. Wir hatten beim DFB ein brutales Problem“, dergestalt, dass die Nationalmannschaft vor einigen Monaten nicht wettbewerbsfähig erschien, „aber wir haben es gelöst, wir hatten Visionen und Ideen. Und wenn etwas nicht geklappt hat, haben wir es versucht, zu korrigieren.“ Nagelsmanns Schlusswort: „Es ist nicht alles so traurig, wie es gerade wirkt.“
GÜNTER KLEIN

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