Das war schon richtig, dass die Nationalspieler und ihre Trainer nicht mit gesenkten Köpfen und sich in der gefühlten Ungerechtigkeit einer Nicht-Strafstoß-Entscheidung in Selbstmitleid suhlend aus der Europameisterschaft verabschiedeten. Sie schuf Momente, an die man sich erinnern wird, die Nationalmannschaft ist wieder viel populärer geworden und von ihrem Image, nur noch ein Marketingvehikel zu sein, befreit. In der Stunde grausamer Niederlagen entstand auch schon der Antrieb zu gewaltigen Steigerungen, wie beim FC Bayern München von 2012 auf 13 in der Champions League. Doch bei allem Verständnis dafür, sich hohe Ziele zu setzen: Vom Weltmeistertitel 2026 für Deutschland zu sprechen, das ist vermessen.
Es fällt nicht leicht, in der sehr gefühligen Gemengelage den Blick wieder klar zu bekommen, aber man sollte zur nüchternen Analyse fähig sein. In der wird man erkennen, dass der deutsche Fußball es mit einer Willensleistung geschafft hat, ein anständiges Heimturnier zu spielen, doch dass man in die Weltspitze vorgedrungen wäre, die man 2018 verließ, ist nicht erkenntlich.
Die Mannschaft hatte mit Schottland einen schwachen Gegner, mit Ungarn, Schweiz und Dänemark dann drei solide Kontrahenten, aber halt bestenfalls aus der gehobenen europäischen Mittelklasse. Ja, gegen Spanien, das wohl die spielstärkste Truppe des Turniers ist, sahen die Deutschen gut aus – aber man konnte erkennen, dass auf Seiten der Roten sich mehr individuelles Talent ansammelte. Julian Nagelsmann brachte eine gute erste Elf auf den Platz, der es meistens gelang, die strukturellen Schwächen des deutschen Fußballs zu überspielen, doch dem Gesamtkader gehörten auch Akteure an, die zu besseren Zeiten des DFB keine Option gewesen wären für eine Turniernominierung.
Und es gab den Sondereffekt Toni Kroos. Sein Comeback war der wesentliche Faktor für die verbesserte Performance des Teams. Er fällt nun wieder weg – und die Mannschaft in alte Muster der Unsicherheit zurück?
Kann passieren. Aber man darf Julian Nagelsmann jetzt auch Vertrauen entgegenbringen. Zurecht verweist er darauf, dass seine Kroos-Idee zunächst auf Skepsis traf – ehe sie gefeiert wurde. Also: Ihn machen lassen. Und was wir nun wissen: Turniere können Spaß machen, auch wenn man sie nicht gewinnt. Guenter.Klein@ovb.net