Jubeln sie nochmal? Davies träumt vom Titel. © IMAGO
Gefeierter Held: Davies ist im Team von Jesse Marsch der Star. Das Vertrauen des Trainers zahlt sich bisher aus. © afp
Geht voran: Davies fordert am Dienstag Messi und Argentinien. © IMAGO
München – Es ist kein Geheimnis, dass in den Sozialen Medien bevorzugt die schöne Seite des Lebens präsentiert wird. „Scheinwelt“ sagen böse Zungen gerne zu Instagram und Co. – und so kann man auch die Posts bewerten, die Alphonso Davies im Laufe der vergangenen, für ihn persönlich durchwachsenen Saison mit dem FC Bayern abgesetzt hat. Alle Beiträge aber, die in den letzten fünf Wochen auf dem Profil des 23-Jährigen veröffentlicht wurden, laufen unter einer anderen Kategorie. So auch jener vom Wochenende mit der Bildunterschrift: „Wir zeigen weiter, woraus wir geschnitzt sind – und dass wir großen Glauben in uns haben.“ Im Kanada-Dress zeigt Davies ein anderes, ein ganz anderes Gesicht als im roten Trikot in München.
Während es bei der EURO zwischen Spanien, Frankreich, England und der Niederlande um den Einzug ins Finale geht, sind ab Dienstagabend knapp 7000 Kilometer entfernt auch Uruguay, Kolumbien, Argentinien und eben Kanada gefragt. Die „Copa America“ ist parallel zum europäischen Kontinental-Turnier in die letzte Woche gestartet, und Davies ist nicht nur mittendrin, sondern sogar Haupthandlungsträger. Immerhin hat der Linksverteidiger, dessen Zukunft beim Rekordmeister nach wie vor ungeklärt ist, das kanadische Team von Trainer Jesse Marsch als Kapitän ins Semifinale geführt. Der Fokus ist vor dem Duell mit Argentinien an diesem Dienstagabend (MESZ Mittwoch 2 Uhr) in East Rutherford vor den Toren New Yorks gesetzt, über alles andere wird Davies „nachdenken, wenn das Turnier hinter uns liegt“. Bis dahin schaut man in München wie Madrid gespannt dabei zu, wie Davies als Führungsspieler agiert.
Es ist ja nicht so, als habe man diese Rolle nicht auch bei Bayern für ihn vorgesehen gehabt. Eine tragende Säule sollte Davies eigentlich werden, bis seine Leistungen schwankten und die Vertragssituation immer verzwickter wurde. Inzwischen bestehen nach Kaugummi-Verhandlungen, einem verstrichenen Ultimatum, neuen Gesprächen und monatelanger Wartezeit zwei Möglichkeiten: Davies geht in sein letztes Vertragsjahr – oder verlässt den Verein noch in diesem Sommer in Richtung Real Madrid. Obwohl Neu-Trainer Vincent Kompany gerne langfristig mit ihm arbeiten würde und auch Sportvorstand Max Eberl noch einen Vorstoß unternommen hat, ist die Causa kompliziert. Im Aufsichtsrat bestehen nach Informationen unserer Zeitung schon länger Zweifel, die erhöhte Vertragsofferte, die Davies zu den Besserverdienern im Kader gemacht hätte, soll vom Gremium angeblich abgeblockt worden sein.
Davies schweigt und genießt seine Situation, denn die fühlt sich in der Ferne im Moment wie eine Reha an. Schon vor Turnierstart hatte Ex-RB-Coach Marsch dem einzigen Mann in seinem Kader mit Weltklasse-Format das Kapitänsamt übertragen und gesagt: „Ich weiß, dass er der Herausforderung, eine größere Rolle mit mehr Verantwortung zu übernehmen, gewachsen ist.“ In der Heimat vertraut man Davies, der nicht nur der jüngste Nationalmannschafts-Debütant, sondern auch viermaliger Fußballer des Jahres ist. „Jung und erfahren“, so fasst es Marsch zusammen, eine gelungene Mischung. Nur im Bayern-Trikot zuletzt zu selten gezeigt.
Für Davies wäre es freilich eine Genugtuung, als Copa-Sieger zurückzukehren. Dafür aber, das weiß auch er, muss sein Team gegen Messi über die Grenzen gehen. Bisher hat Kanada tatsächlich erst zwei reguläre Turniertore geschossen – der Sieg im Viertelfinale gegen Venezuela gelang nach einem vogelwilden Spiel erst im Elfmeterschießen. Auf diversen Bildern auf Instagram sah man daher auch viele Emotionen. Das Schöne aber ist: Sie waren echt.
HANNA RAIF, PHILIPP KESSLER