Künstler gegen Pragmatiker

von Redaktion

Spanien vs. Frankreich – ein EM-Halbfinale der Gegensätze

Ellbogen raus: Frankreichs Dauerrenner N‘Golo Kanté beackert jeden Zentimeter des Platzes. © Imago

Ballgewandt und elegant: Der technisch bewanderte Nico Williams verkörpert wie kaum ein zweiter Spanier das kreative Spiel des DFB-Bezwingers. © Imago

München – Die beste Offensive gegen die beste Defensive, unbändige Spielfreude gegen simplen Pragmatismus –und zwei Topfavoriten unter sich: Das EM-Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich verspricht so einiges, die zwei erfolgreichsten Nationalmannschaften des neuen Jahrtausends kämpfen um den Einzug ins Finale. Dabei geht es am Dienstag in München (21.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) längst nicht nur um das Ticket für Berlin, es geht um ein Duell der Gegensätze – und um die Frage, welche Art von Fußball zum größtmöglichen Erfolg führt.

Während die Spanier seit Turnierbeginn mit ihrem attraktiven Offensivfußball rund um Jungstars wie Lamine Yamal oder Nico Williams begeistern, wirkt das französische Spiel zwar solide, aber uninspiriert. Als würde dieses Starensemble um Kapitän Kylian Mbappé nicht wissen, was es mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten eigentlich anstellen soll.

Didier Deschamps will von alledem nichts wissen. „Auch wenn wir nicht alles perfekt machen, lassen wir nicht locker“, sagte der französische Nationaltrainer nach dem Elfmeterkrimi im Viertelfinale gegen Portugal. Die gewaltige Ladehemmung in der Offensive, die Formkrise von Superstar Mbappe – all das nimmt Deschamps (55) in Kauf. Für seine pragmatische Idee des Fußballs.

„Wir haben eine Stabilität, die beispielhaft und in einem Wettbewerb unerlässlich ist“, sagte er angesichts von nur einem Gegentreffer in fünf Partien: „Wenn man wenige Tore schießt, ist es besser, keine zu kassieren.“ Seit Jahren darf Deschamps aus dem wohl größten Talentepool des Weltfußballs schöpfen, seit Jahren lässt er mit diesen Ausnahmekönnern minimalistischen Fußball spielen – und seit Jahren hat er damit Erfolg. Bei einem Sieg stünden die Franzosen beim fünften großen Turnier nacheinander zum vierten Mal im Finale.

Ganz anders die Spanier. Seit den erfolgreichen Jahren von 2008 bis 2012 steht die „Furia Roja“ erst zum zweiten Mal im Halbfinale eines großen Turniers. Trainer Luis de la Fuente hat die Mannschaft – so paradox das auch klingen mag – von den Fesseln des Tiki-Taka befreit, dabei die Attraktivität des Fußballs aber nicht beschädigt.

Mit elf Toren stellen die Spanier neben Deutschland die bislang beste Offensive des Turniers. Dass sie gegen Frankreich auch einige Ausfälle zu kompensieren haben – die Verteidiger Dani Carvajal und Robin le Normand fehlen gesperrt, Jungstar Pedri verletzt – soll kein Nachteil sein. Joker wie Dani Olmo, der gegen Deutschland brillierte, verringern die Sorgen gewaltig. „Wir wussten, dass wir ein Team haben, mit dem wir weit kommen können“, sagte der Profi von RB Leipzig.

Vor dem Turnier zählte Spanien nicht unbedingt zu den absoluten Topfavoriten, im Gegensatz zu Frankreich. Im Halbfinale stehen dennoch beide. Zurecht, wie Olmo denkt. Über die Art und Weise „kann man streiten“, sagte der 26-Jährige zwar über die Equipe Tricolore. Jedoch habe Frankreich „eine sehr gute Mannschaft, und wenn sie das Halbfinale erreicht haben, dann aus eigener Kraft und ohne Überraschungen. Wir wissen, was ihre Spieler können.“

Der Respekt der Spanier vor den Franzosen ist groß. „Bei dieser Europameisterschaft zeigen sie sich vielleicht etwas defensiver und körperbetonter“, sagte Abwehrspieler Nacho der Zeitung „Marca“: „Aber sie sind eine Mannschaft, die einen in die Knie zwingen kann, die einen für viele Minuten des Spiels in die Enge treiben kann, und genau das wollen wir nicht.“
SID

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